ERÖFFNUNG 2025

Das Mega-Projekt Koralmbahn unter der Lupe

Die Koralmbahn zwischen Graz und Klagenfurt soll ab Ende 2025 Randgebiete ins Zentrum rücken und Städte zusammenwachsen lassen. Ein Besuch bei den Menschen entlang der Strecke und ein Überblick über die Bahn und ihre Haltepunkte.

Von Andrea Jerkovic, Petra Mörth, Anna Stockhammer und Jonas Binder

Montagmorgen im steirischen Groß St. Florian: Am Bahnhof Weststeiermark ist das leise Brummen von Baumaschinen zu hören. Der 60 Meter lange Personensteg ist schon von Weitem sichtbar. Links und rechts säumen ihn noch Baumaschinen und -container. Bis Dezember 2025 soll vor dem steirischen Portal des Koralmtunnels aber alles fertig sein und der größte Bahnhof auf der Koralmbahnstrecke in Betrieb gehen.

Die Koralmbahn wird ab dann Graz und Klagenfurt mit einer Fahrzeit von nur 45 Minuten verbinden. Auf mehr als einem Drittel der 130 Kilometer langen Strecke verkehren die Züge unterirdisch. Der größte Teil davon entfällt auf den Koralmtunnel, der mit 33 Kilometern der sechstlängste Eisenbahntunnel der Welt ist. Teil der Koralmbahnstrecke sind auch mehr als 100 Brücken und Unterführungen. Die zweigleisige Strecke ist elektrifiziert. Mögliche Höchstgeschwindigkeit: 250 km/h (aktuelle Railjets schaffen 230 km/h). Die Kosten des Gesamtprojekts belaufen sich auf rund 5,4 Milliarden Euro.

Zoomen Sie in die Karte und klicken Sie für nähere Infos auf die einzelnen bzw. i Stationen! Die  Koralmbahn ist rot , der  Koralmtunnel blau  dargestellt.  In Rosa ist das Bestandsnetz  in der Steiermark und Kärnten eingezeichnet,  in Orange  als Teil des Gesamtkonzeptes Lavanttalbahn, Bleiburger Schleife und Südbahn südlich von Graz.

Nicht nur Freude über die Bahn

Rund drei Kilometer von der Baustelle des Bahnhofs Weststeiermark entfernt arbeitet Ingrid Friedl in der öffentlichen Bücherei von Groß St. Florian. Diese belebe den Ortskern der sonst so ruhigen Gemeinde. Dass der neue Bahnhof, der seit 2017 unmittelbar neben ihrem Haus gebaut wird, den gleichen Effekt haben werde, daran hat Friedl ihre Zweifel. Sie wohnt etwas außerhalb vom Ortskern. Als Anrainerin ist sie kritisch. "Die Bauzüge sind sehr laut und fahren auch in der Nacht. Das Projekt ist ein Einschnitt in die Natur. Das finde ich nicht gut", erzählt sie. Ob sich der Bau für die 4000-Seelen-Gemeinde wirtschaftlich lohnen wird, wagt sie nicht vorherzusagen.

Ingrid Friedl, Bibliothekarin

Die Bauzüge sind sehr laut und fahren auch in der Nacht. Das Projekt ist ein Einschnitt in die Natur. Das finde ich nicht gut.

Ein paar Häuser weiter neben der Bücherei befindet sich die einzige Bäckerei des Ortes. Hier arbeitet Anita Hauzinger. Wie auch auf den Straßen der Gemeinde ist auch in der Bäckerei nur wenig los. Dass das die Bahn ändern könnte, glaubt Hauzinger nicht: "Für einen Tagesausflug nach Kärnten ist die Koralmbahn toll, aber ob der Ort dadurch auch belebter wird, ist fraglich", sagt sie.

Anita Hauzinger, Verkäuferin

In Groß St. Florian entsteht gerade der Bahnhof Weststeiermark

In Groß St. Florian entsteht gerade der Bahnhof Weststeiermark

Im Zentrum der Gemeinde befindet sich eine gut besuchte Trafik. Mitarbeiterin Ulrike Korb-Buzzi steht hinter der Theke und hat alle Hände voll zu tun. Auf die Koralmbahn angesprochen, fällt ihr nur Positives ein: "Das Projekt ist gut. In Zukunft kann ich meinen Sohn in Klagenfurt mit dem Zug besuchen."

Ulrike Korb-Buzzi, Trafikantin

Das Projekt ist gut. In Zukunft kann ich meinen Sohn in Klagenfurt mit dem Zug besuchen.

Auf dem Rathausplatz nebenan ist es ruhig. Nur ab und an geht ein Fußgänger am Amtssitz des Bürgermeister Alois Resch (ÖVP) vorbei. In Zukunft werde sich dies ändern, hofft Resch: "Mit der Koralmbahn und dem Westbahnhof wird unsere Gemeinde als Betriebsstandort und Wohnregion interessant", erzählt er. Probleme gebe es aber auch. Bewohner, die in der Nähe zum Bahnhof wohnen, hätten mit Lärm zu kämpfen. "Es gibt hier nicht nur Gewinner. Als Gemeinde haben wir auf den Standort des Bahnhofs allerdings keinen Einfluss", sagt Resch.

Alois Resch (ÖVP), Bürgermeister von Groß St. Florian

Durchaus froh über den Standort ist man hingegen am Ortsrand. Gastronom Eugen Mihurko trägt gerade seine Einkäufe in die "Dechant Stubn". Der Platz vor seinem Imbiss ist fast menschenleer, doch die "Dechant Stubn" selbst ist gut gefüllt. Viel Zeit zum Reden hat er daher nicht. Überzeugt von der Bahn ist er aber: "Es wird in der Region einen Aufschwung geben."

Eugen Mihurko, Wirt

Chronologie der Koralmbahn

1999: Baustart
2007: Inbetriebnahme erster Abschnitte (Graz–Feldkirchen–Werndorf)
2008: Baustart Koralmtunnel
2014: Fertigstellung Drauquerung
2015: Baubeginn Tunnelkette Granitztal
2017: Baustart Bahnhof Weststeiermark
2018: Durchschlag Koralmtunnel
2019: Baustart des letzten Abschnitts Graz–Weitendorf
2020: Finaler Koralm-Tunneldurchschlag

Ingrid Friedl, Bibliothekarin

Ingrid Friedl, Bibliothekarin

Anita Hauzinger, Verkäuferin

Anita Hauzinger, Verkäuferin

Ulrike Korb-Buzzi, Trafikantin

Ulrike Korb-Buzzi, Trafikantin

Alois Resch (ÖVP), Bürgermeister von Groß St. Florian

Alois Resch (ÖVP), Bürgermeister von Groß St. Florian

Eugen Mihurko, Wirt

Eugen Mihurko, Wirt

Der Koralmtunnel

Er ist das Herzstück der Koralmbahn: Der 32,9 Kilometer lange Koralmtunnel besteht aus zwei eingleisigen Röhren mit einem Durchmesser von je 10 Metern, die in einem Abstand von 25 bis 50 Metern nebeneinander durch das Gestein der Koralpe geschlagen wurden. Zum Einsatz kamen dabei drei Tunnelbohrmaschinen, die selbst eine Länge von rund 200 Metern haben. Etwa sechs Millionen Kubikmeter Material wurden so aus dem Berg gebrochen – das ist mehr als das zweifache Volumen der Cheops-Pyramide, der höchsten Pyramide der Welt. Rund vier Millionen Kubikmeter Material werden wiederverwendet – etwa als Schüttmaterial für Lärmschutzwälle oder Bahndämme.

2017 waren wir mit der Videokamera dabei, als sich die gewaltigen Tunnelbohrmaschinen noch durch den Fels gefressen haben, im Durchschnitt etwa elf Meter pro Tag.

Künftige "Drehscheibe" des Lavanttals

Am Westportal des Koralmtunnels entsteht in der rund 3200 Einwohner zählenden Kärntner Gemeinde der Bahnhof Lavanttal. "Wir werden uns zur Drehscheibe des Lavanttales entwickeln", schwärmt Bürgermeister Stefan Salzmann (SPÖ). Durch die bessere Anbindung ab 2026 rechnet der 39-Jährige mit Zuzug.

Wir werden uns zur Drehscheibe des Lavanttales entwickeln.

Salzmann: "Es ist zu erwarten, dass Menschen nach St. Paul ziehen werden, die dann mit dem Zug zu ihren Jobs in die Großstädte pendeln. Das hat auch mit den Preisentwicklungen für Bauland zu tun." Die Gemeinde besitze zwar keine Baugründe, helfe aber zu vermitteln. "Aus dem Großraum Klagenfurt gibt es bereits Nachfragen nach Baugründen und es wurden auch schon welche verkauft", weiß der Bürgermeister, der mit Lebensqualität, Kinderbetreuungseinrichtungen und Freizeitangeboten punkten will.

Stefan Salzmann (SPÖ), Bürgermeister von St. Paul im Lavanttal

Deshalb bereite man sich indes im Rathaus am Fuße des Benediktinerstiftes schon intensiv auf das prognostizierte Bevölkerungswachstum vor. "Studenten des Institutes für Städtebau der TU Graz erarbeiten derzeit Vorschläge, die ins Örtliche Entwicklungskonzept (OEK) einfließen werden", sagt er, der von einer Verdichtung des Ortskernes ausgehe. In "Geduld üben" müsse man sich hingegen noch im Hinblick auf den beim Bahnhof geplanten interkommunalen Technologiepark "Campus 2050".

Am Bahnhof Lavanttal in St. Paul wird gerade gebaut

Am Bahnhof Lavanttal in St. Paul wird gerade gebaut

In St. Paul würde vor allem die jüngere Bevölkerung der neuen Südstrecke positiv gegenüber stehen. "Die jungen Menschen sehen die Chancen, weil sie Entdeckungslust haben, mobiler sind und sich die Welt mehr ansehen", meint Sonderpädagogin Melanie Lassacher, die derzeit im Familienbetrieb "Sulzer‘s Radltreff" mitarbeitet. Die 28-Jährige fasziniere mit Blick auf die Zukunft besonders "die Mischung aus ländlicher Idylle und schnellerer Erreichbarkeit der Großstädte". "St. Paul ist jetzt schon ein sehr attraktiver Wohnort. Durch die Koralmbahn wird er noch attraktiver werden", sagt die zweifache Mutter.

Melanie Lassacher, "Sulzer's Radltreff"

St. Paul ist jetzt schon ein sehr attraktiver Wohnort. Durch die Koralmbahn wird er noch attraktiver werden.

Mit der Fertigstellung der Koralmbahn werde St. Paul "zum Vorort von Graz und Klagenfurt", freut sich der pensionierte AHS-Lehrer Ernst Leitner, der sich durch die Eisenbahn-Hochleistungsstrecke große Chancen für den Tourismus und die Wirtschaft erwarte. "Das ist ein Riesenglück, dass der einzige Koralmbahnhof des Lavanttales in St. Paul ist", sagt der 69-Jährige.

Ernst Leitner, pensionierter AHS-Lehrer

Nichtdestotrotz gebe es laut dem Bürgermeister natürlich auch Pessimisten im Ort. Einige würden sich etwa daran stören, dass der neue Bahnhof rund 1,6 Kilometer außerhalb des Ortszentrums liegt. "Man steigt in anderen Städten auch nicht gleich am Hauptbahnhof ein und aus", meint Salzmann dazu. Die Erreichbarkeit des Bahnhofes Lavanttal sei bis 2026 mit Bussen gesichert.

Stefan Salzmann (SPÖ), Bürgermeister von St. Paul im Lavanttal

Stefan Salzmann (SPÖ), Bürgermeister von St. Paul im Lavanttal

Melanie Lassacher, "Sulzer's Radltreff"

Melanie Lassacher, "Sulzer's Radltreff"

Ernst Leitner, pensionierter AHS-Lehrer

Ernst Leitner, pensionierter AHS-Lehrer

Massiver Aufschwung für den Süden

Eine umfassende Standortstudie, die in den vergangenen zwei Jahren von Joanneum Research und dem Institut für Wirtschafts- und Standortentwicklung durchgeführt wurde, sieht durch die Koralmbahn einen neuen urbanen Ballungsraum von Graz bis nach Villach mit insgesamt rund 1,1 Millionen Einwohnern entstehen. "Das ist das größte sozialökonomische Experiment in Südösterreich seit 1845, als Carl Ritter von Ghega die Bahnstrecke über den Semmering eröffnet hat", schwärmt Studienautor Eric Kirschner.

Eric Kirschner, Joanneum Research

Eric Kirschner, Joanneum Research

"Es wird zu einem signifikanten Bevölkerungszuwachs kommen, vor allem auch in der Gegend Deutschlandsberg und Wolfsberg. Für Unternehmen bedeutet das, dass sich der Radius in dem sie Arbeitskräfte anwerben können, massiv vergrößert. Und auch für Arbeitnehmer steigt die Zahl der Unternehmen, in denen sie arbeiten können", sagt Kirschner. Allerdings seien weitere Hausaufgaben zu machen, einzelne Gemeinden müssten besser erreichbar und auch tatsächlich an die Koralmbahn angebunden werden. Kirschner: "Es ist zentral, dass man das direkte Einzugsgebiet mit Zukunftsthemen bespielt. Die Bundesländer, die Gemeinden und die Bezirke müssen zusammen ein gemeinsames Bild entwickeln. Das wichtigste ist eine langfristige strategische Vorgehensweise. Es werden alle gewinnen können. Es muss ein Miteinander sein und kein Gegeneinander."

Geodaten Eisenbahnnetz: ÖBB Open Data, Graz-Köflacher-Bahn, Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen

Fotos: ÖBB (4), Jürgen Fuchs (5), Stuhlhofer-Wolf, Stefan Pajman, Robert Lenhard (2), Thomas Hude, KLZ, Markus Traussnig (4), Helmuth Weichselbraun, Martina Schmerlaib, KK, Markus Sebastyen, Petra Mörth (4), Andrea Jerkovic (6), Ulrike Greiner