40 JAHRE TSCHERNOBYL

Als die Strahlung nach Österreich kam

Geosphere-Modellierung der zusätzlichen Strahlungsdosis pro Stunde durch beim Tschernobyl-Unfall freigesetzte radioaktive Teilchen in der Luft. Visualisierung pro Rasterzelle in Mikrosievert (µSv). Zum Vergleich: 0,1 µSv wird beim Essen einer Banane aufgenommen, 100 µSv bei einem Flug von München nach Japan. Länder sind mit heutigen Grenzen dargestellt. Zeitangaben in Ortszeit (Moskauer Sommerzeit).

DOSSIER. Eine Stadt in der Sowjetunion, zugleich Synonym für einen noch nie dagewesenen atomaren Unfall: Lesen Sie hier, was 1986 in Tschernobyl passiert ist, wie die radioaktive Wolke nach Österreich zog, was Strahlung mit dem menschlichen Körper macht und welche Gefahr Kernkraft auch heute noch birgt.

Von Tobias Kurakin, Silke Ulrich, Fatima Al Masodi und Jonas Binder

Tschernobyl ist ein Zeitenbruch. Auf allen Ebenen. Als am 26. April 1986 um 1.23 Uhr Ortszeit eine Reaktorhalle im Atomkraftwerk in der heutigen Ukraine (damals UdSSR) explodiert, wird die Welt eine andere. Die größte nukleare Katastrophe der Menschheitsgeschichte ist allumfassend. Als radioaktives Material binnen Sekunden in die Umwelt strömt, sorgt ein kräftiger Wind dafür, dass Europa die nächsten Tage in einen Ausnahmezustand übergeht.

Die Sowjetunion will die Weltgemeinschaft zunächst aber nicht darüber informieren. Über inoffizielle Kanäle fragen Botschaftsmitarbeiter in Stockholm und Bonn an, was bei einem Graphitbrand in einem Atomkraftwerk zu tun wäre. Zugleich wehrt sich der Moskauer Parteichef Boris Jelzin bei einem Besuch in Hamburg gegen „Schreckensgeschichten“ in westlichen Medien. 

Erst zwei Tage nach der Katastrophe meldet die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur Tass: „Im Kernkraftwerk Tschernobyl hat sich ein Unfall ereignet. Einer der Kernreaktoren wurde beschädigt. Es werden Maßnahmen ergriffen, um die Folgen des Unfalls zu beseitigen. Den Betroffenen wird Hilfe geleistet“. Mehr nicht. Keine Zahlen, keine Gefahrenabschätzung, keine Details. Dabei gäbe es viel zu berichten.  

Funktionsweise eines Atomkraftwerks

Ein Atomkraftwerk (AKW) ist ein Wärmekraftwerk, in dem mithilfe von kontrollierter Kernspaltung Strom erzeugt wird. Dabei wird ein Atomkern durch ein einfallendes Neutron in mindestens zwei Bestandteile, sogenannte Spaltprodukte, zerlegt. Diese Spaltprodukte sind meist instabil und damit radioaktiv (Radionuklide). Außerdem werden große Energiemengen sowie Neutronen freigesetzt. Es gibt unterschiedliche Reaktortypen.

Der RBMK-Reaktor in Tschernobyl

Reaktoren vom Typ RBMK-1000 wie im Atomkraftwerk Tschernobyl sind graphitmoderierte, wassergekühlte Druckröhrenreaktoren, in denen das Wasser im Betrieb siedet. Zur Kontrolle der Kettenreaktion dienen Steuerstäbe, die je nach Bedarf zwischen die Uran­brennstäbe eingefahren und herausgezogen werden.

Der Reaktorkern besteht größtenteils aus Graphit. Graphit verlangsamt die Neutronen. Das ist notwendig, damit überhaupt eine Kettenreaktion entstehen kann – andernfalls wären die Neutronen so schnell, dass sie an anderen Uran-Kernen meistens „vorbeifliegen“ würden.

Das Wasser in den Röhren erfüllt zwei Funktionen: Zum einen wird es durch die bei der Kernspaltung freigesetzte Wärme erhitzt. Der entstehende Wasserdampf treibt Turbinen an, die über Generatoren Strom erzeugen. Zum anderen fängt es Neutronen ein und behindert dabei die Kettenreaktion.

Die Steuerstäbe bestehen aus Borcarbid, das Neutronen sehr effektiv absorbiert, und dienen dazu, die Leistung zu steuern bzw. abzusenken. Sie werden (mit wenigen Ausnahmen) von oben in den Kern eingefahren. Die Stäbe haben jedoch eine bauliche Eigenheit: An ihrem Ende ist ein Verdrängungskörper aus Graphit angebracht. Im vollständig herausgezogenen Zustand befindet sich dieser mittig im Reaktorkern.

Der Unfallhergang

Im April 1986 wird in Block 4 des AKW Tschernobyl ein Testlauf durchgeführt. Dabei soll überprüft werden, ob die Turbine beim Auslaufen noch genügend Strom erzeugen kann, um im Notfall die Kühlpumpen zu versorgen. Dazu wird die Leistung des Reaktors reduziert – Steuerstäbe werden in den Reaktorkern eingefahren. Für das Experiment schalten die Techniker auch Sicherheitssysteme, darunter Teile des Notkühlsystems, bewusst ab.

Doch die Leistung sinkt zu stark ab, der Reaktor wird fast „abgewürgt“. Um die Leistung wieder zu erhöhen, müssen viele Steuerstäbe herausgezogen werden. Im Reaktorkern hat sich zu diesem Zeitpunkt auch eine große Menge an Xenon-135 angesammelt, das stark neutronenabsorbierend wirkt. Das radioaktive Gas entsteht bei der Kernspaltung, wird bei Normalleistung aber durch die Absorption von Neutronen abgebaut. Nun erschwert diese zusätzliche Reaktionsbremse jedoch die Leistungssteigerung.

Auch die Zuschaltung zusätzlicher Kühlmittelpumpen für das Testverfahren verringert die Reaktivität, was durch das Herausziehen weiterer Steuerstäbe kompensiert wird. Die Reaktorleistung stabilisiert sich aber schließlich, die Testvorbereitungen sind abgeschlossen.

Nun beginnt der eigentliche Testlauf: Die Dampfzufuhr zu den Turbinen wird geschlossen. Durch verstärkte Dampfbildung im Reaktorkern steigt die Reaktivität an.

Die Bedienmannschaft leitet die Reaktorschnellabschaltung ein, wodurch alle Steuerstäbe gleichzeitig in den Reaktorkern eingefahren werden. Beim Einfahren verdrängen die Graphit-Verdrängkörper am Kopf der Steuerstäbe aber zunächst das Wasser im unteren Bereich, wodurch die Reaktivität kurzfristig zunimmt, bevor sie durch den restlichen Teil der Steuerstäbe reduziert werden kann. Die Leistung steigt explosionsartig an.

Der Reaktor gerät in einen überkritischen Zustand und sein Kern wird zerstört. Die enorme Hitze führt zu einer Dampfexplosion und Bränden. Kurz darauf kommt es zu einer weiteren Explosion. Große Teile des Reaktorgebäudes werden zerstört und erhebliche Mengen radioaktiver Stoffe freigesetzt.

Die dramatischen Folgen des Unfalls

Durch die hohen Temperaturen im brennenden Kern gelangen vor allem leichtflüchtige radioaktive Isotope wie Cäsium-137 und Jod-131 bis 1400 Meter hoch in die Atmosphäre. Windströmungen verteilen sie über Europa (siehe Animation zu Beginn), Niederschläge waschen sie zu Boden. Schwerere radioaktive Stoffe mit höherem Siedepunkt (wie Strontium oder Plutonium) gehen hingegen vor allem mit Staub in der Nähe des Reaktors nieder. In unmittelbarer Nähe des offen liegenden Reaktors treten hohe Strahlungsdosen auf, die bei rund 30 Menschen innerhalb weniger Wochen zum Tod führen.

Nach der verspäteten Evakuierung der nur drei Kilometer vom AKW entfernten Stadt Prypjat folgen zwei weitere Evakuierungsschritte in einem Umkreis von zehn und 30 Kilometern. Letztlich werden mehr als 330.000 Menschen evakuiert, darunter auch die Bewohner der Stadt Tschernobyl. Die heutige Sperrzone ist mit einer Fläche von 4300 Quadratkilometern so groß wie Wien und das Burgenland zusammen.

Während die einen fliehen, werden andere direkt in den Gefahrenbereich gebracht: Bis 1989 sind 600.000 bis 800.000 sogenannte Liquidatoren in der Sperrzone im Einsatz, um den zerstörten Reaktor so gut wie möglich zu versiegeln und das Areal zu dekontaminieren. Häufig ohne adäquate Schutzausrüstung. Aus einem Helikopter werden damals dramatische Bilder des zerstörten, noch rauchenden Reaktors gefilmt.

Video: Getty Images/Footagestore

Video: Getty Images/Footagestore

Oleg Veklenko ist einer der Liquidatoren vor Ort. „Ich wurde in die Truppen für Strahlenschutz einberufen und befand mich bereits ab 2. Mai in Tschernobyl“, sagt der Ukrainer, der in den ersten, „heißesten“ zwei Monaten die Aufräumarbeiten in Reaktornähe mit dem Fotoapparat festhält, zur Kleinen Zeitung. „Wir fühlten uns im Mittelpunkt der weltweiten Aufmerksamkeit, gewissermaßen als ‚Retter der Zivilisation. Es war ein sehr starker psychischer Stress.“ Die Fotodokumente Veklenkos sind ab 23. April 2026 auch im Grazer Rathaus ausgestellt.

Aber gerade dort, in Tschernobyl, glaubte ich plötzlich an die Menschheit. Dort waren einfache, gütige, aufrichtige, selbstlose Menschen am Werk, die immer bereit waren, zu helfen, eine Aufgabe zu erfüllen und einen Kameraden zu unterstützen.
Oleg Veklenko, Liquidator und Fotograf

Über die insgesamt mit dem Unfall in Verbindung zu bringenden Todesopfer – auch durch ein möglicherweise gestiegenes Krebsrisiko – kursieren indes enorm divergierende Zahlen. Diese könnten im Bereich von 300 bis 500 Opfern liegen, während in einem WHO-Bericht 4000 Todesfälle und von anderen Wissenschaftlern sogar eine Übersterblichkeit von mehreren Zehntausend Menschen weltweit angenommen wird.

Die Kernspaltung im Detail

In Atomkraftwerken wird hauptsächlich Uran-235 gespalten. Dabei handelt es sich um ein Isotop mit 92 Protonen und 143 Neutronen im Kern (gesamt: 235 Nukleonen).

Trifft ein Neutron auf Uran-235, wird daraus Uran-236 (92 Protonen und 144 Neutronen = 236 Nukleonen). Das zusätzliche Neutron macht den Kern instabil.

Der Kern spaltet sich in zwei Teile (z. B. Jod, Barium, Cäsium oder Krypton). Diese sind meist radioaktiv und werden als Spaltprodukte bezeichnet.

In diesem Beispiel entstehen die Spaltprodukte Krypton-95 und Barium-139. Zusammen besitzen sie 234 Nukleonen (139 + 95). Es werden also zwei Neutronen frei, die weitere Urankerne spalten können.

Die Kernspaltung im Detail

In Atomkraftwerken wird hauptsächlich Uran-235 gespalten. Dabei handelt es sich um ein Isotop mit 92 Protonen und 143 Neutronen im Kern (gesamt: 235 Nukleonen).

Trifft ein Neutron auf Uran-235, wird daraus Uran-236 (92 Protonen und 144 Neutronen = 236 Nukleonen). Das zusätzliche Neutron macht den Kern instabil.

Der Kern spaltet sich in zwei Teile (z.B. Jod, Barium, Cäsium oder Krypton). Diese sind meist radioaktiv und werden als Spaltprodukte bezeichnet.

In diesem Beispiel entstehen die Spaltprodukte Krypton-95 und Barium-139. Zusammen besitzen sie 234 Nukleonen (139 + 95). Es werden also zwei Neutronen frei, die weitere Urankerne spalten können.

Was Strahlung ist

Strahlung bezeichnet Energie, die in Form von Wellen oder Teilchen ausgehend von einer Strahlungsquelle transportiert wird. Sie entsteht unter anderem bei der Spaltung von Atomkernen (radioaktive Strahlung).

Alphastrahlung

ist gefährlich, wenn sie in den Körper gelangt (z. B. durch Einatmen oder über die Nahrung). Bei hoher Dosis kann sie lebende Zellen schädigen und Krebs auslösen. Von außen ist sie weitgehend harmlos, da sie durch Haut oder Papier abgeschirmt wird.

Betastrahlung

dringt einige Millimeter tief in die Haut ein. Je nach Dosis kann sie Verbrennungen oder Hautkrebs verursachen. Innerlich aufgenommen kann sie Organe, z.$B. die Schilddrüse, massiv schädigen. Abschirmung durch Metall (z. B. Aluminium oder Blech).

Gammastrahlung

ist sehr durchdringend
und besonders gefährlich. Gammastrahlen können tief im Körper Schäden verursachen, etwa das Erbgut schädigen oder Krebs auslösen. Eine Abschirmung ist nur durch dichtes Material wie Blei, Stahl oder Beton möglich.

Auslöser

Zu den potenziell gefährlichen Elementen in Atomkraftwerken wie Tschernobyl gehören
Jod-131 und Cäsium-137:
Jod emittiert Betastrahlung, Cäsium emittiert
sowohl Beta- als
auch Gamma-
strahlung.

Was Strahlung ist

Strahlung bezeichnet Energie, die in Form von Wellen oder Teilchen ausgehend von einer Strahlungsquelle transportiert wird. Sie entsteht unter anderem bei der Spaltung von Atomkernen (radioaktive Strahlung).

Alphastrahlung

ist gefährlich, wenn sie in den Körper gelangt (z. B. durch Einatmen oder über die Nahrung). Bei hoher Dosis kann sie lebende Zellen schädigen und Krebs auslösen. Von außen ist sie weitgehend harmlos, da sie durch Haut oder Papier abgeschirmt wird.

Betastrahlung

dringt einige Millimeter tief in die Haut ein. Je nach Dosis kann sie Verbrennungen oder Hautkrebs verursachen. Innerlich aufgenommen kann sie Organe, z. B. die Schilddrüse, massiv schädigen. Abschirmung durch Metall (z. B. Aluminium oder Blech).

Gammastrahlung

ist sehr durchdringend und besonders gefährlich. Gammastrahlen können tief im Körper Schäden verursachen, etwa das Erbgut schädigen oder Krebs auslösen. Eine Abschirmung ist nur durch dichtes Material wie Blei, Stahl oder Beton möglich.

Auslöser

Zu den potenziell gefährlichen Elementen in Atomkraftwerken wie Tschernobyl gehören Jod-131 und Cäsium-137: Jod emittiert Betastrahlung, Cäsium emittiert sowohl Beta- als auch Gammastrahlung.

Wie Strahlung gemessen wird

Es gibt verschiedene Instrumente, mit denen radioaktive Strahlung gemessen werden kann. Besonders bekannt ist der Geiger-Müller-Zähler (siehe Foto). Die Aktivität eines radioaktiven Stoffes, also wie viele Atomkerne pro Zeiteinheit zerfallen, wird mit der Einheit Becquerel ausgedrückt. Ein Becquerel (Bq) entspricht einem Zerfall pro Sekunde. Bezogen auf Quadratmeter oder Kilogramm wird damit die Kontamination des Bodens oder von Lebensmitteln ausgedrückt.

Die von einem Körper aufgenommene Energiemenge (Dosis) wird hingegen in der Einheit Gray (Gy) angegeben. Wie gefährlich Strahlung ist, hängt aber auch von der Art, Dauer und Intensität der Strahlung ab. Das wird für die Äquivalenzdosis berücksichtigt, die in Sievert (Sv) ausgedrückt wird. Ein Mikrosievert (µSv) ist dabei ein Millionstel Sievert, ein Millisievert (mSv) ein Tausendstel. Häufig wird die Äquivalenzdosis über eine Zeitspanne, z. B. pro Stunde, angegeben.

Jeder Mensch nimmt, auch gänzlich ohne atomaren Unfall, eine bestimmte Menge an Strahlung aus natürlichen Quellen auf. Dazu zählt die Aufnahme über die Luft, mit der Nahrung, durch kosmische Strahlung oder durch natürliche radioaktive Stoffe im Gestein. In Österreich sind das in Summe durchschnittlich 4300 µSv bzw. 4,3 Millisievert (mSv) pro Jahr.

Hinzu kommen weitere 1,7 mSv aus künstlichen Quellen, vorwiegend medizinischen Behandlungen wie Röntgen. Die jährliche Strahlungsdosis eines Durchschnittsösterreichers liegt also bei 6 mSv. Das Reaktorunglück bewirkt für den Durchschnittsösterreicher insgesamt, über zehn Jahre hinweg, eine effektive Dosis von in Summe rund 1 mSv.

Die Auswirkungen von Tschernobyl auf Österreich

Zum Zeitpunkt des Reaktorunfalls weiß in Österreich niemand Bescheid, was 1000 Kilometer weiter östlich passiert ist. Auch nicht Kurt Fink. Er ist damals Referatsleiter für Umweltschutz im Land Steiermark. Der 26. April 1986 ist für ihn ein Tag wie jeder andere auch. „Wahrscheinlich war alles wie immer“, sagt er. Ein Tag im Büro mit Besprechungen, Anrufen und routinemäßigen Abläufen. Keine Panik, kein Stress, keine Angst.

Erst als immer mehr Informationen durchsickern und auch die Sowjets den Ernst der Lage eingestehen, wird Fink zum Katastrophenmanager. Den braucht es. Österreich ist von der radioaktiven Wolke und besonders vom Fallout, den radioaktiven Niederschlägen, in den Tagen nach der Explosion stark betroffen.

Rund 50 Millimeter Niederschlag fallen etwa im Koralmgebiet an der steirisch-kärntnerischen Landesgrenze. Stark kontaminiert werden auch das Salzkammergut, Teile des Wald-, Mühl- und Hausruckviertels, der Raum Linz sowie die Welser Heide, die Pyhrngegend, die westlichen Niederen Tauern sowie die Hohen Tauern bis zu den Zillertaler Alpen.

Auch wenn die Strahlungswerte in der Luft selbst, verglichen mit der Belastung durch Langstreckenflüge oder Röntgenaufnahmen, nicht dramatisch wirken: Dort, wo es am meisten regnet – vor allem in höheren Lagen –, wäscht es auch die meisten Radionuklide herunter.

Und diese sind, abgelagert auf dem Boden und in weiterer Folge über Lebensmittel aufgenommen, fast ausschließlich für die gestiegene Strahlenbelastung verantwortlich. Ein maßgeblicher radioaktiver Stoff, der sich in Österreich stark abgelagert hat, ist Cäsium-137. Es hat eine Halbwerts­zeit von rund 30 Jahren.

Gebiete mit einer Cäsium-137-Belastung ab 37 Kilobecquerel pro Quadratmeter (kBq/m²) werden damals in internationalen Berichten als „kontaminiert“ definiert. In Österreich liegt der durchschnittliche Wert im Mai 1986 bei 21 kBq/m². Es werden jedoch auch Spitzenwerte von mehr als 150 kBq/m² gemessen, etwa in Gmunden am Traunsee, in Kals am Großglockner, Matrei in Osttirol oder Bad Gastein. 138 kBq/m² sind es indes in den Schladminger Tauern.

Vor allem in Oberösterreich, Salzburg, den steirischen Bezirken Liezen und Deutschlandsberg sowie in Teilen Kärntens kann man auch 40 Jahre nach dem Unglück erhöhte Cäsium-137-Werte messen. Auf die Landwirtschaft wirkt sich das aber nicht mehr aus, die Belastung von Lebensmittelproben liegt auf Vor-Tschernobyl-Niveau. Bei manchen Pilzen zeigen sich jedoch nach wie vor erhöhte Werte, insbesondere im Raum Deutschlandsberg.

Österreich und die Steiermark reagieren schnell und konsequent auf die unsichtbare Gefahr aus der Luft. Nirgendwo sonst in Europa gibt es ein Frühwarnsystem für eine nukleare Bedrohung. Jeden Tag um 3 Uhr in der Früh liefern die Molkereien unzählige Chargen Milch an die TU Graz. Die Wissenschaftler vor Ort, Fink inklusive, testen und messen die Kontamination. „Wir haben in dieser Zeit praktisch nichts geschlafen“, sagt er. Österreich ist in diesen Tagen vorsichtiger als viele Nachbarländer.

Es wurde damals wirklich sehr viel richtig gemacht, schnell getestet, die richtigen Maßnahmen gesetzt und die Bevölkerung auf Stand des eigenen Wissens bestmöglich informiert.
Kurt Fink, früherer Referatsleiter für Umweltschutz und Katastrophenschützer im Land Steiermark

20.000 bis 30.000 Messungen werden durchgeführt; nicht nur Milch, auch Obst, Salate und Gemüse werden getestet. Alles, was den Grenzwert überschreitet, kommt nicht in den Verkauf. Nicht alles muss aber entsorgt werden. Bei Tieren, die auf den Wiesen grasten, wird der Schlachtzeitpunkt verschoben, Milch wird teilweise zu Käse verarbeitet. 

Einer, der all diese Maßnahmen aus erster Hand mitbekommt, ist Alfred Nussbaum, Salatbauer in Thondorf und im April 1986 bereit für die Erntezeit. „Wir mussten einen halben Hektar Salat vernichten, einfach wegbringen“, sagt Nussbaum. Die eigene Existenzgrundlage, das eigene Schaffen, das selbst angebaute Produkt ist plötzlich eine Gefahr für die Gesundheit. Wenn der Landwirt heute über die Ereignisse spricht, wirkt es so, als wäre die Katastrophe erst vergangene Woche über die Welt hereingebrochen.

Die Erinnerungen sind frisch, noch immer. Die Angst in der Stimme teilweise hörbar. „Wir haben erst Tage nach dem Unfall davon erfahren, in dieser Zeit haben wir viel draußen gearbeitet und die Strahlung abbekommen – da wird einem natürlich ganz anders“, erzählt Nussbaum.

Tschernobyl verschwindet nicht aus Nussbaums Leben, immer wieder holt ihn die Katastrophe ein. Ein Jahr lang werden immer wieder Salatköpfe auf Strahlenwerte untersucht. Auf den Bauernmärkten konfrontieren Konsumentinnen und Konsumenten Nussbaum mit ihrer Angst. Die Skepsis gegen den sonst so verlässlichen heimischen Lebensmittelmarkt ist groß, lässt sich nur schwer wegdiskutieren.

Wir haben erst Tage nach dem Unfall davon erfahren, in dieser Zeit haben wir viel draußen gearbeitet und die Strahlung abbekommen – da wird einem natürlich ganz anders.
Alfred Nussbaum, betroffener Landwirt

Manche Bauern stellen Fotos von Folientunneln oder Gewächshäusern auf, um Sicherheit zu suggerieren. Nicht immer gelingt es. Auch Fink muss debattieren, muss Gerüchte entkräften und Fakten zurechtrücken. Auch er scheitert. „Manche Eltern haben ihren Kindern keine Milch mehr gegeben, obwohl sie kontrolliert war, weil so viel Unsicherheit kursierte.“

Ein vom Bundeskanzleramt 1988 herausgegebener Bericht zum Reaktorunfall hält gemäß Risikoanalysen „Krebstodesfälle und genetische Schädigungen zwar aus der Dosisbelastung theoretisch [für] errechenbar“, wobei eine „statistisch signifikante Erhöhung derartiger Schädigungen jedoch nicht zu erwarten“ sei. Laut einem aktuellen Bericht des Umweltministeriums könnte der Unfall über mehrere Jahrzehnte hinweg hypothetisch rund 400 Krebserkrankungen ausgelöst haben. Ein kausaler Zusammenhang könne bei einer Gesamtzahl von 1,4 Millionen Krebserkrankungen in Österreich aber „weder nachgewiesen noch ausgeschlossen werden“.

Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb, die 1986 an der Zamg (heute Geosphere) tätig und deshalb mitten im Geschehen war, sagt heute indes gegenüber der APA: „Ich würde mich nicht trauen, so einfach zu beantworten, dass der Reaktorunfall in Österreich keine gesundheitlichen Folgen hatte. Spezielle Kindergruppen und Menschen, die unbemerkt ein heißes Teilchen mit der Luft oder Nahrung aufgenommen haben, könnten sehr wohl direkt betroffen sein.“

So wirkt Strahlung im Körper

Radioaktive Strahlung wird vom Gewebe aufgenommen. Je nach Dosis können Schäden im Gewebe bzw. in einzelnen Zellen und auch im Erbgut entstehen.

Schilddrüse

Gelangt radioaktives Jod-131 in die Schilddrüse, kann es Krebs auslösen. Durch die Einnahme von Jodtabletten (stabiles Jod) wird die Schilddrüse gesättigt, sodass weniger radioaktives Iod aufgenommen wird. Jodtabletten werden vor allem Risikogruppen (Kinder, Jugendliche, Schwangere) verabreicht.

Lunge

Die Lunge ist besonders durch radioaktiven Staub gefährdet, der eingeatmet wird. Dies kann Lungenkrebs verursachen. Simple Strategien wie Fenster schließen etc. schützen dagegen.

Magen

Gelangen radioaktive Stoffe in den Verdauungstrakt, können sie Magen- und Darmwände schädigen. Durchfall, Übelkeit, innere Blutungen sind die Folge.

Nieren

Als Ausscheidungsorgan sind die Nieren durch radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 stark betroffen.

Knochen

Das Spaltprodukt Strontium-90 kann sich in Knochen einlagern. Dadurch wird das Knochenmark geschädigt, es besteht Knochenkrebs- und Leukämiegefahr.

Muskeln

Radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 können sich im Muskelgewebe anreichern.

Haut

Hohe Strahlendosen können zu schweren Verbrennungen führen.

Geschlechtsorgane

Cäsium-137 verteilt sich im ganzen Körper, kann Geschlechtsdrüsen verstrahlen und das Erbgut schädigen. Hohe Strahlendosen können Unfruchtbarkeit verursachen und das Krebsrisiko erhöhen.

Immunsystem

Die Immunabwehr wird stark geschwächt, wodurch selbst leichte Infektionen lebensbedrohlich werden können.

Schilddrüse

Gelangt radioaktives Jod-131 in die Schilddrüse, kann es Krebs auslösen. Durch die Einnahme von Jodtabletten (stabiles Jod) wird die Schilddrüse gesättigt, sodass weniger radioaktives Iod aufgenommen wird. Jodtabletten werden vor allem Risikogruppen (Kinder, Jugendliche, Schwangere) verabreicht.

Lunge

Die Lunge ist besonders durch radioaktiven Staub gefährdet, der eingeatmet wird. Dies kann Lungenkrebs verursachen. Simple Strategien wie Fenster schließen etc. schützen dagegen.

Magen

Gelangen radioaktive Stoffe in den Verdauungstrakt, können sie Magen- und Darmwände schädigen. Durchfall, Übelkeit, innere Blutungen sind die Folge.

Nieren

Als Ausscheidungsorgan sind die Nieren durch radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 stark betroffen.

Knochen

Das Spaltprodukt Strontium-90 kann sich in Knochen einlagern. Dadurch wird das Knochenmark geschädigt, es besteht Knochenkrebs- und Leukämiegefahr.

Muskeln

Radioaktive Stoffe wie Cäsium-137 können sich im Muskelgewebe anreichern.

Haut

Hohe Strahlendosen können zu schweren Verbrennungen führen.

Geschlechtsorgane

Cäsium-137 verteilt sich im ganzen Körper, kann Geschlechtsdrüsen verstrahlen und das Erbgut schädigen. Hohe Strahlendosen können Unfruchtbarkeit verursachen und das Krebsrisiko erhöhen.

Immunsystem

Die Immunabwehr wird stark geschwächt, wodurch selbst leichte Infektionen lebensbedrohlich werden können.

Neue nukleare Gefahren

Der zerstörte Reaktorblock 4 des AKW Tschernobyl ist von einer 1986 hastig errichteten Schutzhülle aus Beton und Stahl umhüllt worden. Dieser „Sarkophag“ war jedoch nur für eine Betriebsdauer von 30 Jahren ausgelegt. Bereits nach wenigen Jahren entweicht Radioaktivität durch entstehende Risse.

Seit 1997 gibt es internationale Abkommen für dessen Sicherung, bis 2003 entstehen Pläne für eine neue Schutzhülle, die auf 100 Jahre ausgelegt ist. Nach der Errichtung des Fundaments (ab 2010) beginnt 2012 der Bau. 2019 wird die Inbetriebnahme feierlich begangen. Übrigens: Die drei beim Unglück nicht zerstörten Reaktorblöcke werden zunächst weiterbetrieben; erst im Dezember 2000 wird der letzte endgültig abgeschaltet.

Der russische Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 rückt Tschernobyl wieder in die Schlagzeilen: Russische Soldaten queren die Sperrzone, heben dort Schützengräben aus und nehmen die Anlage in Besitz. Auch wenn sich Russland später wieder zurückzieht, bleibt die Gefahr. Im Februar 2025 schlägt eine vermutlich russische Drohne ein Loch in die Schutzhülle. Im Südosten der Ukraine nehmen russische Truppen im März 2022 das größte europäische AKW, Saporischschja, ein und halten es nach wie vor besetzt. Es ist auch zu Einschlägen und Explosionen in unmittelbarer Nähe des Kraftwerks und zu Kampfhandlungen am Gelände gekommen.

Doch nicht nur von ukrainischen Atomkraftwerken geht eine Gefahr aus. Nach einem massiven Seebeben der Stärke 9 löst im März 2011 ein Tsunami im AKW Fukushima in Japan Stromausfälle und in der Folge teilweise Kernschmelzen in drei Reaktoren aus. Die Schutzhülle wird beschädigt und radioaktive Stoffe treten aus. Es ist nach Tschernobyl der zweite Super-GAU, die höchstmögliche Unfallstufe. 160.000 Menschen werden zwischenzeitlich evakuiert.

Der beschädigte Reaktor 4 des japanischen AKW Fukushima nach dem Tsunami. Foto: Imago Images/Air Photo Service/ABACAPRESS

Der beschädigte Reaktor 4 des japanischen AKW Fukushima nach dem Tsunami. Foto: Imago Images/Air Photo Service/ABACAPRESS

Bis heute ungeklärt ist unterdessen, was mit radioaktivem Abfall – nicht nur aus Tschernobyl und Fukushima, sondern auch aus dem regulären Betrieb eines AKW – geschehen soll. Auch in Österreich steht übrigens ein AKW: in Zwentendorf (Niederösterreich). Es wird 1976 fertiggestellt, geht aber nie in Betrieb. In der ersten Volksabstimmung Österreichs im Jahr 1978 sprechen sich 50,5 Prozent gegen die Kernkraftnutzung aus. Den Steuerzahler kostet das Kraftwerk schließlich mehr als eine Milliarde Euro (Bau und Liquidierung).

Ging nie in Betrieb: Das österreichische AKW Zwentendorf. Foto: KLZ/Markus Andreas Traussnig

Ging nie in Betrieb: Das österreichische AKW Zwentendorf. Foto: KLZ/Markus Andreas Traussnig

Unweit von Österreichs Grenzen, zwischen 40 und 200 Kilometer entfernt, sind aber auch heute noch neun AKW in Betrieb. Allerdings nicht in Deutschland, dort hat man bis 2023 die letzten Kraftwerke abgeschaltet. Für die (deutsche) EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist das Atom-Aus ein „strategischer Fehler“.

In den letzten Jahren erleben wir eine weltweite Renaissance der Kernenergie. Und Europa will an dieser Renaissance teilhaben.
Ursula von der Leyen, EU-Kommissionspräsidentin

Die Frage nach der nuklearen Vorsorge bleibt also weiterhin Thema. Keiner kennt sich mit diesem Thema in der Steiermark besser aus als Ewald Pantosar, heutiger Strahlenschutzbeauftragter des Landes.

Pantosar sagt: „Ein wesentliches Risiko liegt derzeit in der Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken. Viele Anlagen wurden ursprünglich für 40 Jahre gebaut und laufen jetzt deutlich länger. Das führt zu Materialermüdung und erhöht langfristig das Risiko von Störfällen.“

Viele Anlagen wurden ursprünglich für 40 Jahre gebaut und laufen jetzt deutlich länger.
Ewald Pantosar, Strahlenschutzbeauftragter Land Steiermark

Das Überwachungsnetz ist mittlerweile engmaschig. Staaten sind verpflichtet, nukleare Auffälligkeiten zu melden. Österreich hat mit der Geosphere Austria eines von weltweit zehn spezialisierten Zentren, die die Ausbreitung von Radioaktivität in der Atmosphäre modellieren können. Lebensmittel, Wasser und Luft werden in Österreich – zusätzlich zum automatischen Messsystem – weiterhin regelmäßig im Labor auf Radioaktivität untersucht, mit rund 3000 jährlichen Proben. Und weiterhin liegen in der Steiermark in jeder Gemeinde ausreichend Kaliumiodid-Tabletten bereit.

Quellen: APA; Ages; Umweltbundesamt Österreich; Geosphere Austria; Bundesamt für Strahlenschutz (Deutschland); Nuclear Engineering International; Umweltministerium; Internationale Atomenergiebehörde; World Nuclear Association; DAtF/Deutsches Atomforum; Nuclear Monitor (Chernobyl: Chronology of a Disaster); Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg; Land Steiermark; WHO; Our World in Data; International Physicians for the Prevention of Nuclear War; Xkcd/Randall Munroe; Greenpeace; Bulls Press; weltderphysik.de; KRT/Bulls/Bechtel; Europäische Union; Greenpeace; Wikipedia.

Grafiken und Illustrationen: Silke Ulrich, Fatima Al Masodi, Marian Massegg

Radioaktive Wolke (Intro): Modelldaten der Geosphere Austria; Animation: Jonas Binder, Fatima Al Masodi, Simon Schmiedbauer

Bodenbelastung Österreich: Daten des Umweltbundesamtes; Darstellung: Jonas Binder, Fatima Al Masodi

Text: Tobias Kurakin, Jonas Binder, Silke Ulrich

Videos: KLZ/Michael Wappl, KLZ/Lukas Kohlmaier, Getty Images/Footagestore

Fotos: Adobe Stock (4), Imago Images (7), Oleg Veklenko (5), AP, Harry Stuhlhofer (2), KLZ/Markus Traussnig