EIN JAHR NACH DEM ANSCHLAG IN VILLACH

„Nein, mir geht es nicht gut. Es ist nicht schön, aber es ist die Wahrheit.“

Schauspielerin und Poetry-Slamerin Estha Sackl hielt zum Abschluss der Trauerwoche, die anlässlich des Terroranschlags am 15. Februar 2025 in Villach ausgerufen wurde, eine bewegende Rede. Ein Jahr später blickt sie mit folgendem Text zurück – und nach vorne. Sie können ihn hören oder lesen.

Am 15. Februar 2025 stand meine Welt still. Ich glaube, ich muss das nicht weiter erläutern, denn das war einer der seltenen Momente, wo wir uns wohl alle gleich gefühlt haben: Fassungslos.

Den Raumschiff-Text zu schreiben, war sehr heilsam für mich. Etwas tun zu können, in einem Moment, wo man nichts tun kann. Tja. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt gewusst, was mich – ganz persönlich- im Jahr 2025 noch erwarten wird, ich wäre in das Raumschiff gestiegen und hätte nicht zurückgeschaut, das können Sie mir glauben.

Was genau passiert ist, hat hier keinen Platz, denn es geht hier nicht um mich.

In diesem Text geht es um Sie. Ja ganz Recht, um Sie.

Wie fühlen Sie sich? Ganz ehrlich? Sind Sie ängstlich? Wütend? Aufgebracht oder sogar verzweifelt? Sind Sie überfordert, euphorisch? Sind Sie empört? Sind Sie es nur jetzt, im Moment, oder fühlen Sie sich immerzu so?

Denken Sie viel darüber nach, wie verrückt die Welt geworden ist?

Oder… passt eigentlich eh alles, bei Ihnen?

Lassen Sie mich eine Vermutung anstellen: Hand aufs Herz, so richtig wissen Sie gar nicht, wie es Ihnen geht. Weil alles so viel ist, so schnell, so laut, dass Ihr System es gar nicht verarbeiten kann. Das haben wir uns leider als Gesellschaft angewöhnt – niemand kann das alles wirklich verarbeiten.

Man kann nur funktionieren. Wir sind längst nicht mehr im allzu gern zitierten Hamsterrad. Wir sind auf einem verdammten Laufband in Sprintgeschwindigkeit, und wenn wir stehenbleiben, fallen wir richtig auf die Fresse.

So weit, so gut. Man gewöhnt sich schließlich an alles.

Aber was, wenn nun etwas passiert, das jeden Rahmen des Begreiflichen sprengt? Etwas so Schreckliches, so Unaussprechliches, dass unsere Welt plötzlich stehenbleibt? So wie vor einem Jahr?

Dann merken wir erst, wie erbarmungslos dieses Laufband sich dreht. Es fragt nicht nach unserer Leistungsgrenze, da ist es ganz sachlich. Also laufen Sie halt weiter, Sie sind ja nicht blöd und brechen sich freiwillig die Knochen.

Aber ich habe da eine Frage…. Ich hatte ja schon angekündigt, in diesem Text geht es um Sie: Wann ist Ihre Welt das letzte Mal stehengeblieben? Ihre ganz persönliche Welt?

Und haben Sie einen Weg gefunden, damit umzugehen? Oder sind Sie noch auf der Flucht, so wie ich?

Es ist ja fast schon zynisch. Da sind wir, die Krone der Schöpfung, wir haben künstliche Intelligenz und Herztransplantationen.

Aber niemand kann uns sagen, was wir tun sollen, wenn wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen.

Unser Körper hat übrigens eine sehr, sehr einfache Antwort auf diese Frage: Trauer.

Man kann nur funktionieren. Wir sind längst nicht mehr im allzu gern zitierten Hamsterrad. Wir sind auf einem verdammten Laufband in Sprintgeschwindigkeit, und wenn wir stehenbleiben, fallen wir richtig auf die Fresse. So weit, so gut. Man gewöhnt sich schließlich an alles.

Aber was, wenn nun etwas passiert, das jeden Rahmen des Begreiflichen sprengt?

Etwas so Schreckliches, so Unaussprechliches, dass unsere Welt plötzlich stehenbleibt? So wie vor einem Jahr?

Dann merken wir erst, wie erbarmungslos dieses Laufband sich dreht. Es fragt nicht nach unserer Leistungsgrenze, da ist es ganz sachlich. Also laufen Sie halt weiter, Sie sind ja nicht blöd und brechen sich freiwillig die Knochen.

Aber ich habe da eine Frage…. Ich hatte ja schon angekündigt, in diesem Text geht es um Sie: Wann ist Ihre Welt das letzte Mal stehengeblieben? Ihre ganz persönliche Welt?

Und haben Sie einen Weg gefunden, damit umzugehen? Oder sind Sie noch auf der Flucht, so wie ich?

Es ist ja fast schon zynisch. Da sind wir, die Krone der Schöpfung, wir haben künstliche Intelligenz und Herztransplantationen.
Aber niemand kann uns sagen, was wir tun sollen, wenn wir nicht mehr wissen, was wir tun sollen.

Unser Körper hat übrigens eine sehr, sehr einfache Antwort auf diese Frage: Trauer.

Ja, wir haben sie uns abgewöhnt, weil sie leider nicht (mehr) ins Konzept passt. Trauer ist nicht zeitgemäß, sie lässt sich nicht planen und auch nicht erzwingen. Sie braucht Zeit und Raum, um leise und freiwillig zu kommen und sie geht erst dann, wenn wir wirklich loslassen können. Nicht, wenn es „an der Zeit wäre“, wenn der Wecker klingelt oder die Mittagspause beendet ist.

Trauer geht nicht, während wir sprinten, und sie verweigert sich jeder Funktion. Da hilft kein neues Herz, weil das alte kaputt war, und kein ChatGPT, das für uns denkt. Niemand kann uns das abnehmen.

Aber wissen Sie, was passiert, wenn wir diese Arbeit tun? Wenn wir unserem Inneren diesen anstrengenden Prozess zugestehen?
Wir haben wieder eine Chance. Auf Lebendigkeit.

Darauf, uns endlich wieder wie ein richtiger Mensch zu fühlen. Vermissen Sie das auch so?

Falls Sie sich fragen: Nein, mir geht es nicht gut. Da, ich habs gesagt. Es ist nicht schön, aber es ist die Wahrheit. Und vielleicht mussten Sie das auch einfach mal hören, wie das klingt.

Und vielleicht könnten Sie dann, wenn Sie herausgefunden haben, wie es Ihnen geht… vielleicht könnten Sie dann auch den Mut aufbringen, das ehrlich zu sagen. Und dann könnten Sie ja Ihre Schwester oder einen alten Freund anrufen, den sie aus den Augen verloren haben.

Mein persönlicher Tipp wäre: schreiben Sie einen Brief. So richtig mit der Hand. Da schreibt man nämlich nur das Wesentliche. Und dann weiß man auf einmal selbst wieder, was das ist… das Wesentliche.

Hintergrund

Am 15. Februar 2025 hatte ein 23-jähriger Syrer mitten in der Villacher Innenstadt gezielt auf Jugendliche und junge Männer eingestochen. Ein 14-Jähriger starb, fünf Personen wurden teils schwer verletzt. Der mutmaßliche Attentäter wurde kurz nach der Tat festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Er hatte sich zum Islamischen Staat bekannt. Der Prozess gegen ihn soll im April 2026 in Klagenfurt stattfinden.

Video: KLZ/Markus Traussnig

Fotos: KLZ/Markus Traussnig