Neues Grazer Viertel

Der Stadtteil
Reininghaus im
Detail erklärt

Ein smarter Stadtteil für 10.000 Menschen, geplant am Reißbrett: Der soll auf den Reininghausgründen in Graz entstehen. Nach langer Vorlaufzeit fuhren 2017 die Bagger auf. Im Frühjahr 2024 ist bereits gut die Hälfte des neuen Viertels fertiggestellt oder gerade in Bau. Wir geben einen multimedialen Überblick.

Von Gerald Winter-Pölsler und Jonas Binder

Es ist ein Langzeitprojekt. Seit 2004, als die Brau-Union die 55 Hektar der alten Reininghausgründe in den Grazer Bezirken Eggenberg, Gries und Wetzelsdorf an Werber Ernst Scholdan verkauft hat, wurde an der Vision des „idealen Stadtteiles“ gefeilt. Tatsächlich ist es ein Sonderfall, mitten in der Stadt eine so große und kompakte Fläche zu haben, die man städtebaulich entwickeln kann. Ein „dichtes, urbanes Zentrum mit viel öffentlichen Grünflächen“ soll es sein, wie Stadtbaudirektor Bertram Werle immer wieder sagt. „Das ist auch eine klimaverträgliche Art zu bauen.“

2010 hat dann der Grazer Gemeinderat einen städtebaulichen Rahmenplan beschlossen, die ersten Bagger fuhren aber nach zahlreichen Pleiten und Pannen erst im Herbst 2017 auf.

Stadtbaudirektor Bertram Werle vor den beiden Türmen des Parkquartiers.

Stadtbaudirektor Bertram Werle vor den beiden Türmen des Parkquartiers.

Stand Frühjahr 2024 sind einige Leuchttürme fertiggestellt. Allen voran ziehen die beiden rostbraunen Türme aus der Feder von „pentaplan“ die Blicke auf sich - manche schütteln auch den Kopf. Schräg gegenüber ist der „Green Tower“ nach Plänen von Thomas Pucher bereits bewohnt, auch das Gehölz an der Fassade wächst an.

Direkt dahinter wird die denkmalgeschützte Tennenmälzerei zumindest behelfsmäßig saniert, um eine Zwischennutzung für Kultur und Veranstaltungen zu ermöglichen. Langfristig soll hier ja das kulturelle Herz des Stadtteils schlagen.

Seit Herbst 2021 fährt auch die Straßenbahn durch den neuen Stadtteil, ein gut drei Hektar großer Park als Teil des Gesamtprojektes wurde im Frühsommer 2022 freigegeben. 

Die Entstehung des Parks und der Baufortschritt der Gebäude ringsum im Zeitraffer. Video: Stadt Graz

Fix ist aber: Reininghaus wird noch auf Jahre Baustelle bleiben. Die Volksschule, mit 20 Klassen die zweitgrößte des Landes, wird 2024 fertig, genauso wie das neue Gymnasium, mit 38 Klassen ebenfalls ein Riese. Das größte und mit 200 Millionen Euro auch teuerste Projekt von allen, die in sich verschobenen Türme von Hermann Eisenköck, verzögert sich vorerst weiter.

Scrollen Sie weiter, um einen Überblick über die einzelnen Teilbereiche und -projekte des neuen Stadtteils anhand der 3D-Pläne von Stadtvermessungsamt und Reininghaus-Eigentümerboard zu bekommen!

Das Reininghaus-Areal ist mit den 55 Hektar ungefähr so groß wie die Grazer Altstadt. Platz genug für spektakuläre Projekte, die hoch hinauswollen. Es unterteilt sich in verschiedene „Quartiere“.

Q7

Das erste Quartier, das fertig wurde. Es gliedert sich in vier Teilquartiere, die je um einen Innenhof ausgerichtet sind. 2020 zogen die Leute in die Wohnungen. Gebaut hat die Holzhochhäuser die ENW um gut 38 Millionen Euro.

Q6a Süd

Entwickelt von der ÖWG wurden sieben bis zu sieben Stock hohe Gebäude mit 340 Wohnungen nach Plänen von KFR-Architekten mit April 2024 fertig. 129 Wohnungen davon sind geförderte Mietwohnungen.

Q3

Die Baubewilligung ist aufrecht, gebaut wird in diesem zentralen Quartier aber noch nicht. Die BSWG hat das Projekt mit rund 550 Wohnungen weiterverkauft an Bau & Boden sowie die Siedlungsgenossenschaft Neunkirchner. 2018 wurden die Investitionen mit 105 Millionen Euro beziffert.

Q6 Nord

2021 hat die Grawe ihr Reininghaus-Projekt unter dem Titel „Wohnen am Park“ fertiggestellt. Wohnungen in der Größe zwischen 45 und 108 Quadratmetern werden vermietet, ein großer Mieter ist die Lebenshilfe.

Park

Rund drei Hektar groß ist der zentrale Park im neuen Stadtteil. 8,4 Millionen Euro hat die Stadt investiert, 23 alte Bäume konnten erhalten werden, 100 neue wurden gepflanzt. Das Besondere: Neben Wasserelementen setzt man auf Blühwiesen, um die Biodiversität zu stärken.

Parkquartier

Die beiden rostbraunen Türme von „pentaplan“ wurden von der ÖSW gemeinsam mit der Bank Austria errichtet. Einer der beiden Türme beherbergt Eigentumswohnungen, der andere, so wie der Rest, Mietwohnungen. Auch Kindergarten und -krippe sind integriert. Investiert wurden gut 70 Millionen Euro.

Schulcampus

Im Herbst 2024 soll es dort vor Kindern nur so wimmeln: Bis dahin will der Bund ein neues Gymnasium mit 36 Klassen (35 Millionen Euro) errichtet haben (siehe Rendering), die Stadt stellt dem eine Volksschule mit 20 Klassen (24 Millionen Euro) zur Seite. Daneben errichtet die BIG Wohnungen, ein großer Platz (doppelt so groß wie der Grazer Hauptplatz) soll das alles zusammenhalten.

Q2-Tower

Mit 76,5 Metern Höhe soll es das höchste Hochhaus der Stadt werden. Ihm zur Seite stellt Architekt Hermann Eisenköck noch einen „kleinen Bruder“ mit 63 Metern Höhe, wie dieses Rendering zeigt. Das 200-Millionen-Euro-Projekt verzögert sich aber noch. Geplanter Höhepunkt: Auf der öffentlich zugänglichen Dachterrasse soll die 8,7 Meter hohe Erwin Wurm-Skulptur „Stand quiet and look over the Mediterranean Sea...“ stehen, die neue Blicke auf die Stadt ermöglichen wird.

Tennenmälzerei

Die Stadt hat das unter Denkmalschutz stehende Gebäude um eine Million Euro gekauft, es soll das kulturelle Herz des Stadtteils werden. Vorerst gibt es eine Zwischennutzung nach Plänen vom „Breathe Earth Collective“ geben.

Q1 Green Tower

Aus der Feder von Architekt Thomas Pucher zog die ENW einen begrünten Turm hoch. Die Eckdaten: 68 Meter hoch, Hunderte Bäume und Pflanzen wachsen an der Fassade. Daneben entstehen ebenfalls Hochhäuser.

Stamag

Neben der historischen Tennenmälzerei ist jene der Firma Stamag weiter in Betrieb und verarbeitet Malz. Damit befindet sich ein Industriebetrieb mitten im neuen Stadtteil, was 2016 zu einem Problem wurde: Die Stamag rüstete ihren Betrieb nach, um Lärm und Staub zu reduzieren und den neuen Nachbarn nicht in die Quere zu kommen. Damals wurde gestritten, wer die Kosten in Millionenhöhe übernimmt. Letztlich haben es die Investoren gezahlt.

Q4

Eines der vier Projekte des „Linse“ genannten Bereiches ist fertig, drei folgen noch. Das hier beheimatete Stadtteilmanagement siedelt in die Tennenmälzerei und soll Anlauf- und Verknüpfungsstelle sowie Ideengeber für Aktivitäten für die Bewohner sein.

Q4a die Banane

Design follows nature – zumindest in einem Punkt in diesem Quartier: Um einen herrlichen alten Baum zu erhalten, wird das Gebäude um den Baum herum gebaut und hat von oben aus betrachtet die Form einer Banane.

Belvedere 11

Ein Abschnitt im Quartier 4a ist schon fertig: Das „Belvedere 11“ genannte Hochhaus, auch nach Plänen vom Atelier Thomas Pucher.

Herrenhaus

Das denkmalgeschützte Gebäude wurde saniert und ist mittlerweile bezogen. Die Firma XiTrust hat dort ihre Grazer Heimat.

Mit Stand Frühjahr 2024 leben rund 3500 Menschen in Reininghaus, gut die Hälfte des Kerngebiets ist bereits verbaut beziehungsweise ist gerade in Bau. Am Ende sollen rund 10.000 Menschen dort leben und gut 5000 Leute arbeiten.

Leben kehrt erst langsam ein

Womit die „Pioniere“ derzeit noch kämpfen: Sie wohnen zwar in Reininghaus, aber es herrscht dort noch kein Leben. Die Erdgeschoßzone ist praktisch noch leer, es gibt die Bäckerei Martin Auer, den Supermarkt Spar, ein Ärztezentrum und einen Bauernmarkt, der einmal in der Woche am Kiosk beim Park stattfindet. „Das braucht noch Zeit“, sagt Stadtbaudirektor Werle, aber je mehr fertig wird, desto belebter werde der Stadtteil. Zentral sind dabei die Eisenköck-Türme, aber auch der Green Tower.

Ein Konfliktpunkt zwischen Stadt und Investoren war lange Zeit die Zahl der Parkplätze. Die Stadt schreibt vor: Jedes Quartier darf nur eine Sammelgarage mit einer Ausfahrt haben. Ist alles gebaut, gibt es so 5000 Parkplätze, nur fünf Prozent davon oberirdisch. Anfangs war das den Investoren viel zu wenig, „mittlerweile ist gar nicht sicher, ob alle Plätze ausgenutzt werden“, so Stadtbaudirektor Werle.

Ein Luftbild, im Jahr 2009 aus nördlicher Richtung aufgenommen, bietet eine gute Übersicht über das größte unbebaute, zentrumsnahe Gelände in der Landeshauptstadt.

Im Vergleich dazu das Stadtteilmodell.

Regelmäßige Kritik

Regelmäßig setzt es auch Kritik an dem Großprojekt Reininghaus. Eine, die ihre Stimme immer wieder erhebt, ist Aglaeé Degros, Leiterin des Städtebau-Instituts an der TU Graz, gerade auf Gastprofessur in Harvard: „Reininghaus ist obsolet, bevor es überhaupt fertig ist“, lautete ihre harsche Kritik.

„Wir haben einen neuen Stadtteil und trotzdem sind die Straßen nur funktional für den Verkehr gedacht. Sind solche großen Asphaltflächen wirklich zeitgemäß?“, fragt Degros – und liefert gleich die Antwort: nein.

Anstatt Stadt in alten Mustern zu denken, brauche es eine ökologische Stadtplanung, die der Vision von „Bauhaus earth" folge: Städte müssen allen voran mehr CO2-Emission speichern als ausstoßen sowie mehr Energie produzieren als verbrauchen. Und sie müssen grün sein, ein einzelner Park sei da zu wenig. Für Degros braucht es den „Territorial Turn“, also eine echte ökologisch-urbane Wende.

Eine Kritik, die Stadtbaudirektor Werle nicht stehen lassen will: „Dort, wo wir als Stadt direkt eingreifen können, haben wir unsere Aufgaben erfüllt.“ Der Park sei bewusst eine Zone für mehr Biodiversität; alte Bäume wurden so weit möglich erhalten, 1000 neue werden gesetzt; die Energie zum Heizen stammt aus der benachbarten Marienhütte; das Verkehrskonzept ist auf kurze Wege ausgelegt, die zu Fuß oder per Rad zurückgelegt werden.

Im Februar 2012 stand die Tennenmälzerei inmitten des noch unentwickelten Stadteils.

Derzeit wird rundherum gebaut. Das Stadtteilmodell zeigt, wie es hier einmal aussehen soll.

Das Gelände rund um die Tennenmälzerei von der anderen Seite aus betrachtet, ebenfalls im Februar 2012.

Heute führt hier die Unesco-Esplanade durch, eine Straße, auf der auch bereits die Straßenbahn verkehrt. So wie auf diesem Modell-Ausschnitt wird sich die „Skyline“ hier einmal präsentieren.

Das Herzstück von Reininghaus

Sie sollen das Herzstück von Reininghaus werden: Die Q2-Türme mitten im Zentrum, der eine 76,5 Meter hoch und in sich verdreht; der andere auch stattliche 63 Meter hoch. Das Projekt stammt aus der Feder dreier Staatspreisträger – Hermann Eisenköck, Wolf D. Prix und das Team Delugan Meissl –, wurde schon 2018 präsentiert und seitdem von Eisenköck und der Architektur Consult weiterentwickelt.

Corona ließ den Zeitplan genauso platzen wie ein Planer-Streit mit der Stadt. 2021 wurden die Baupläne eingereicht, von der Stadt allerdings nicht akzeptiert, weil sie dem Bebauungsplan widersprochen hätten. „Wie es bei so großen Projekten eben ist: Wenn man dann konkrete Nutzer an Bord hat, die ihre Bedürfnisse haben, gibt es immer Änderungen gegenüber dem Erstentwurf“, sagte Eisenköck gegenüber der Kleinen Zeitung.

Mittlerweile sei man aber einen Schritt weiter, die Signale aus dem städtischen Fachbeirat positiv. Einen neuen Zeitplan gibt es aber noch nicht, auch wenn Eisenköck bewusst ist: „Bankfilialen, Post, Ärztezentrum, Nahversorger, das ist ja alles bei uns.“

Im Dezember 2017 blickte man von der Wetzelsdorfer Straße über einen Acker auf die Mälzerei der Firma Stemag.

Mittlerweile hat sich viel getan. So soll dieses Panorama in der Zukunft einmal aussehen.

Zukunft, das heißt: Der nächste konkrete Schritt ist der Bau des Schulcampus. Bis 2030 soll dann das Kerngebiet von Reininghaus fertig und bewohnt wie auch belebt sein. Wobei: „Fertig“ wird eine Stadt ohnehin nie sein.

Stadtteilmodell: Stadt Graz/Stadtvermessungsamt, Eigentümerboard Reininghausgründe (www.reininghausgründe.at).

Fotos: Michael Saria, Jürgen Fuchs (3), Gerald Winter-Pölsler (7), j-c-k Architekten, Eisenköck, Foto Fischer, KK (2), Gernot Eder (2)