48 Stunden in Triest
Warum man in der Kaffeehauptstadt Italiens ein Wörterbuch braucht
Dank der Koralmbahn rückt Triest noch einmal näher an Österreich. Auf den Spuren des Kaffees, der Habsburger und der Kulinarik einer Region, die immer schon ein Schmelztiegel war.
Von Gudrun Schaffhauser-List
Am 27. Juli 1857 wurde eine technische Meisterleistung vollendet und von Kaiser Franz Joseph I. feierlich eröffnet: die durchgehende Südbahnstrecke von Wien über Graz und Ljubljana nach Triest, dem Haupthafen der Monarchie. Heute fährt man komfortabel mit der Koralmbahn nach Friaul-Julisch Venetien. Eine Region, die sich immer wieder neu entdecken lässt.
Il capoluogo del caffè
Die Stadt des Kaffees
Angeblich werden in Triest 1.500 Tassen pro Kopf und Jahr getrunken, mehr als im restlichen Italien. Seinen Ursprung hat die „Stadt des Kaffees“ in der Habsburgermonarchie. 1719 wurde der Triestiner Hafen von Kaiser Karl VI., dem Vater Maria Theresias, zum Freihafen erklärt, um den Handel an der Adria zu stärken und Kaufleute aus ganz Europa anzuziehen. Unter Maria Theresia erlebte die Stadt einen Aufschwung, nach der Regentin wurde mit dem „Borgo Teresiano“ ein eigener Stadtteil benannt. Maria Theresia selbst war jedoch nie in Triest, sie kam nur bis Görz.
Bis heute hat sich der Umschlagplatz für die Kaffeeindustrie erhalten und die Liebe zum Kaffee ist geblieben. Dafür bräuchte man eigentlich ein Wörterbuch, denn man sollte vorbereitet sein. In Triest bestellt man keinen Espresso, sondern einen „Nero“ – wie überall in Italien zum unschlagbaren Preis von einem Euro an der Theke. Kenner bestellen einen „Nero in b“ – dann bekommt man einen Espresso im Glas, dem „bicchiere“. Ein Cappuccino ist ein „Caffelatte“, der „Capo in b“ ein Espresso mit einer kleinen Haube aus Milchschaum im Glas. Die beliebten Röstereien Illy und Hausbrandt wurden übrigens beide in Triest gegründet.
Keine italienische Konditorei ohne großzügiges Mehlspeisenangebot – ein Erbe der K&K-Monarchie. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Keine italienische Konditorei ohne großzügiges Mehlspeisenangebot – ein Erbe der K&K-Monarchie. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Alexandros Delithanassis betreibt eine Buchhandlung im Café – dort gibt es auch Lesungen, Buchpräsentationen und Konzerte. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Alexandros Delithanassis betreibt eine Buchhandlung im Café – dort gibt es auch Lesungen, Buchpräsentationen und Konzerte. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Zeitungen und viel Zeit, um zu lesen – das macht einen guten Kaffeehausbesuch aus. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Zeitungen und viel Zeit, um zu lesen – das macht einen guten Kaffeehausbesuch aus. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List.
Eng verwoben mit dem Handelsplatz sind die Kaffeehäuser; das älteste wurde 1830 gegründet. Das „Caffè Tommaseo“ und das „Caffè degli Specchi“ am Piazza dell’Unità d’Italia sind bei Touristen begehrt, am authentischsten ist das „Antico Caffè San Marco“. Einst war es ein Sammelpunkt der „Irredentisti“, der Bewegung, die sich von der Habsburgermonarchie lossagen wollte. 1915 wurde es von pro-österreichischen Eindringlingen verwüstet. Alexandros Delithanassis hat dem Traditionscafé neues Leben eingehaucht und betreibt eine Buchhandlung im Café.
Außerdem finden – eine Ironie der Geschichte – deutschsprachige Lesungen statt. Italienische und auch deutschsprachige Literaten bis hin zum irischen Schriftsteller James Joyce haben seit mehr als einem Jahrhundert die Atmosphäre der multikulturellen und multireligiösen Stadt aufgesogen und in ihren Werken verewigt. Auch der ungarische Literaturnobelpreisträger László Krasznahorkai, der einen Großteil seines Lebens in der norditalienischen Stadt verbringt, ist im „San Marco“ anzutreffen.
Lokaltipps
Al Petes Vino e Cibo in Città
Adresse: Via dei Capitelli, 5/a, 34121 Trieste TS
Telefon: 040 260 2329
Zinzendorf
Via Nazionale 49, 34151 – Opicina (Triest)
Telefon: +390409777308
Eataly an der Marina
Riva Tommaso Gulli, 1, 34123 Trieste TS, Italien
Telefon: +39 800 975 880
Pier the Roof
Molo Venezia, 1, 34123 Trieste TS, Italien
Telefon: +39 040 322 9296
Ursus und die Oligarchen-Jacht
Seit dem Jahr 2022 hat die Hafenstadt ein neues, für den italienischen Steuerzahler sehr kostspieliges schwimmendes inoffizielles Wahrzeichen. Die weltweit größte Segeljacht „A“ eines russischen Oligarchen wurde nach Ausbruch des Ukrainekriegs vom italienischen Staat beschlagnahmt. Die Jacht liegt vor Triest am Anker. Die Kosten für die Wartung – es sollen auch millionenschwere Kunstwerke an Bord sein – belaufen sich mittlerweile auf 36 Millionen Euro und sorgen für heftige politische Diskussionen.
Ein nicht viel weniger teures Unterfangen ist der schwimmende Industriekran „Ursus“ – der liegt den Triestinern jedoch mehr am Herzen als die Oligarchen-Jacht. „Ursus“ lief 1914 vom Stapel und war mit Unterbrechungen bis 1994 in Betrieb. 2011 wurde der Kran vom starken Sturmwind Bora von seinem Ankerplatz weggerissen, die Triestiner waren entsetzt. Danach wurde der Kran wieder aus dem offenen Meer zurückgeschleppt und als Kulturgut eingestuft.
Der Industriekran „Ursus“ nach seinem unfreiwilligen Ausbruch aufs Meer wieder retour in Triest. Foto: Imago Images/zakaz86.
Der Industriekran „Ursus“ nach seinem unfreiwilligen Ausbruch aufs Meer wieder retour in Triest. Foto: Imago Images/zakaz86.
Die Oligarchen-Jacht „A“ liegt vor Triest und ist immer wieder im Hafenbereich sichtbar. Foto: Imago Images/Malina Petr
Die Oligarchen-Jacht „A“ liegt vor Triest und ist immer wieder im Hafenbereich sichtbar. Foto: Imago Images/Malina Petr
Opicina im Karst und kleines Bora-Museum
Opicina im Karst und kleines Bora-Museum
Die historische Tram nach Opicina fährt derzeit leider nicht. Sie verbindet die Stadt Triest mit der reizvollen Ortschaft im Karst. Foto: Imago Images/baloncici.
Die historische Tram nach Opicina fährt derzeit leider nicht. Sie verbindet die Stadt Triest mit der reizvollen Ortschaft im Karst. Foto: Imago Images/baloncici.
Überhaupt die Bora. Der rabiate und böige Wind an der östlichen Adriaküste hat Triest geprägt. Neben dem Triestiner Windmuseum widmet sich eine neue kleine Ausstellung, das „Borarium“, oberhalb der Stadt in der Ortschaft Opicina dem ständigen Begleiter. Der Sturmwind lässt die Menschen wie Betrunkene gehen und sorgt bei vielen Wettergeplagten für Kopfschmerzen, aber auch für klare Sicht der Küstenbewohner von Grado bis Piran auf die im Frühjahr noch verschneiten Alpen im Norden. Ein historisches Wahrzeichen verbindet das Triestiner Stadtzentrum mit Opicina.
Die 1902 errichtete „Tram de Opicina“ blieb in der Geschichte jedoch nicht von schweren Unfällen verschont und ist derzeit nicht in Betrieb. Opicina ist aber auch gut mit dem Bus erreichbar. Kulinarisch kann man sich im neuen Lokal „Zinzendorf“ mit hausgemachter frischer Pasta verwöhnen lassen. Sie haben richtig gelesen, benannt ist das Restaurant und Café nach Karl Graf von Zinzendorf, er war von 1776 bis 1782 der erste Gouverneur von Triest. Nach dem Adelsgeschlecht ist auch die „Zinze“, die Zinzendorfgasse in Graz benannt.
Überhaupt die Bora. Der rabiate und böige Wind an der östlichen Adriaküste hat Triest geprägt. Neben dem Triestiner Windmuseum widmet sich eine neue kleine Ausstellung, das „Borarium“, oberhalb der Stadt in der Ortschaft Opicina dem ständigen Begleiter. Der Sturmwind lässt die Menschen wie Betrunkene gehen und sorgt bei vielen Wettergeplagten für Kopfschmerzen, aber auch für klare Sicht der Küstenbewohner von Grado bis Piran auf die im Frühjahr noch verschneiten Alpen im Norden. Ein historisches Wahrzeichen verbindet das Triestiner Stadtzentrum mit Opicina.
Die historische Tram nach Opicina fährt derzeit leider nicht. Sie verbindet die Stadt Triest mit der reizvollen Ortschaft im Karst. Foto: Imago Images/baloncici.
Die historische Tram nach Opicina fährt derzeit leider nicht. Sie verbindet die Stadt Triest mit der reizvollen Ortschaft im Karst. Foto: Imago Images/baloncici.
Die 1902 errichtete „Tram de Opicina“ blieb in der Geschichte jedoch nicht von schweren Unfällen verschont und ist derzeit nicht in Betrieb. Opicina ist aber auch gut mit dem Bus erreichbar. Kulinarisch kann man sich im neuen Lokal „Zinzendorf“ mit hausgemachter frischer Pasta verwöhnen lassen. Sie haben richtig gelesen, benannt ist das Restaurant und Café nach Karl Graf von Zinzendorf, er war von 1776 bis 1782 der erste Gouverneur von Triest. Nach dem Adelsgeschlecht ist auch die „Zinze“, die Zinzendorfgasse in Graz benannt.
Stadtspaziergang zwischen Industrieruinen
Der Alte Hafen, erbaut zwischen 1883 und 1900, war einst das Herzstück des habsburgischen Freihafens. Seit Jahrzehnten dämmert Triests „Porto Vecchio“ jedoch vor sich hin. Renoviert wurde bislang nur das „Magazzino 26“ für Ausstellungen und Kulturveranstaltungen, ein architektonisch nicht überzeugendes Kongresszentrum entstand.
Hochtrabende Pläne für einen „Porto Vivo“ mit einer schrittweisen Verbindung zwischen der Stadt und einem Erhalt der alten Lagerhäuser liegen vor, eine Umsetzung davon steht aber noch in den Sternen. Auch eine Seilbahn, die einen Teil des Hafens mit dem Karst-Gebiet verbinden soll, ist geplant. Bis diese Pläne konkret werden, lässt sich der an einen „Lost Place“ erinnernde Stadtteil bequem per Fahrrad, bei einer Laufrunde entlang der Küste oder bei einem ausgedehnten Spaziergang erkunden.
Sala Lelio Luttazzi - ein Veranstaltungsort im „Magazzino 26“ - anlässliche der Biennale 2011 eröffnet. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Sala Lelio Luttazzi - ein Veranstaltungsort im „Magazzino 26“ - anlässliche der Biennale 2011 eröffnet. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Der Rest der Waren- und Lagerhäuser wartet auf eine Renovierung. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Der Rest der Waren- und Lagerhäuser wartet auf eine Renovierung. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Buschenschanken im Karst
Triest ist zwischen den Hügeln des Karstes und der slowenischen Grenze eingebettet. In der Region ist eine Tradition erhalten geblieben, die auch vielen in Österreich bekannt ist. Im Habsburgerreich erließ Kaiser Josef II. am 17. August 1784 die Zirkularverordnung, die den Verkauf eigener Lebensmittel und Weine erlaubte. In der Steiermark gibt es seitdem die Buschenschanken, in Wien den Heurigen. Im Friaul durften die Lokale einst nur acht Tage im Jahr offenhalten, vom slowenischen Wort für „acht“ leitet sich der Name „Osmize“ ab.
Was gehört zur Kulinarik dazu? Natürlich der Wein! Beim Weißwein ist die Vitovska-Traube eine autochthone Sorte, die eng mit dem Karst verbunden ist. Die Glera-Traube wurde um 1830 aus dem Karstdorf Prosecco ins heutige Proseccogebiet um Valdobbiadene exportiert. Vielen ist auch die Malvasia-Rebe bekannt, die schon seit Jahrhunderten im Mittelmeerraum heimisch ist. Auf der Seite des Rotweins wird die Terrano-Rebe, die zur Familie des Refosco gehört, im Karst angebaut, wo die eisenhaltige rote Erde dem Wein einen besonderen Charakter verleiht.
Blick vom Weingut Skerk in Prepotto auf der Karsthochebene gelegen, zum Meer. Foto: Francesco Zoppi.
Blick vom Weingut Skerk in Prepotto auf der Karsthochebene gelegen, zum Meer. Foto: Francesco Zoppi.
Der Vitovska gehört vermutlich zu den feinsten Weinen im Karst. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Der Vitovska gehört vermutlich zu den feinsten Weinen im Karst. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Der Wein reift in natürlichen Karsthöhlen. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Der Wein reift in natürlichen Karsthöhlen. Foto: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Schloss Miramare wieder entdecken
Fährt man von Norden aus Udine kommend Richtung Golf von Triest, ist das Schloss Miramare das erste Schmuckstück, das an der malerischen Küstenstraße auftaucht. Erzherzog Ferdinand Maximilian Joseph Maria von Österreich, der spätere glücklose Kaiser von Mexiko, hat sich der Legende nach in diesen Ort verliebt, der damals eine vegetationslose, felsige Landzunge war, als er im kleinen Hafen von Grignano vor einem Unwetter Zuflucht fand.
Reiseführerin Margarete Berg erklärt, warum es sich lohnt, Miramare wieder zu besuchen. Video: KLZ/Gudrun Schaffhauser-List
Als Admiral der österreichischen Marine hat er von seinen Reisen um die Welt eine große Vielfalt an Pflanzen mitgebracht, aus Wien wurde fruchtbare Erde herangekarrt und ein prächtiger englischer Garten angelegt. Der Oberbefehlshaber der k. u. k. Kriegsmarine konnte seinen Palast am Meer jedoch nicht genießen. Nach drei erfolglosen Jahren als Kaiser von Mexiko wurde er am 19. Juni 1867 in der mexikanischen Stadt Querétaro standrechtlich erschossen. Seine Gemahlin, Charlotte von Belgien, war schon zuvor nach Miramare zurückgekehrt, wohnte nicht im Schloss, sondern in der heute neu renovierten Villa, in der das Habsburgerpaar während der Bauarbeiten gewohnt hatte. Danach verlor sie den Verstand und verließ Miramare.
Diese Reise wurde von ÖBB, ENIT S.p.A. – Italienische Zentrale für Tourismus und PromoTurismoFVG unterstützt.
Schnelle Railjet-Verbindungen Graz–Klagenfurt–Triest
Mit dem Fahrplanwechsel am 14. Dezember ging die Koralmbahn in Betrieb und ermöglicht, neben der bestehenden Verbindung nach Venedig, auch eine neue, schnellere Railjet-Verbindung zwischen Wien und Triest. Zum Beispiel:
RJX 131/137:
• Abfahrt Graz Hbf: täglich 9.22 Uhr
• Abfahrt Klagenfurt Hbf: täglich 10.05 Uhr
• Ankunft Triest: täglich 13.31 Uhr
RJX 132/136:
• Abfahrt Triest: Mo. bis Fr. 14:22 Uhr, Sa. & So. 14.37 Uhr
• Ankunft Klagenfurt Hbf: täglich 17.56 Uhr
• Ankunft Graz Hbf: täglich 18.41 Uhr
Angebote Graz-Triest mit der Sparschiene ab 19,00 Euro, frühzeitig buchen.
• ÖBB-Tickets
• Friaul: Vergünstigungen mit der FVGcard
Mobilität: Zug, Bus und Fahrrad
Triest verfügt über gute Busverbindungen, zum Schloss Miramare fährt auch der Regionalzug. Im Sommer gibt es zudem gute Bootsverbindungen. Mehr Informationen finden Sie hier.