Rückblick
Die Bilder des Jahres 2025
Kuratiert von Julian Melichar
Blick zu lange in den Abgrund und er blickt zurück. So in etwa hat das Nietzsche einmal gesagt. Warum ich das erwähne? In den letzten Tagen des Jahres umtreibt unsere Redaktion verlässlich die Frage, ob man denn mit dem Jahresrückblick die letzten Tage der Menschheit heraufbeschwören sollte oder doch nicht. Viele plädieren für den demonstrativen „Lichtblick“ – nur positive Momente sollen aus dem Jahr destilliert werden. Wenn Sie mich fragen, birgt das die Gefahr der kontrafaktischen Verrenkung.
Seien wir uns ehrlich: So schön wie in den Erinnerungen war es meist nicht. So schlecht aber auch nicht. Deshalb das Motto in diesem Jahr: Zeigen, was war. Für die hartnäckigen Skeptiker zitiere ich Aristoteles‘ „Katharsis“ – die seelische Reinigung durch das Erleben von Tragödien. Wer das Unheimliche nicht ausspart, bleibt ihm nicht ausgeliefert.
Und siehe da: Trotz Krisen, Kriegen und Kulturverfall erkenne ich keineswegs nur Abgründe – sondern die Rückkehr von Geiseln, den Zusammenhalt junger Menschen nach dem Amoklauf in Graz, die erste WM-Teilnahme Österreichs seit 28 Jahren, einen Pop-Star, der just in Zeiten von Trumps Migrantenhetze nicht der US-Traumfabrik entspringt, sondern ausgerechnet Puerto Rico. Ich sehe Triumphe inmitten der Tragödien. Vielleicht hat Nietzsche unrecht. Wenn wir in den Abgrund blicken, sehen wir das Ausmaß des Unheimlichen. Und erkennen den Spielraum, der uns bleibt.
>> JÄNNER
Inferno in der Filmwelt
Das Jahr begann mit einem Inferno – ein schlechtes Omen für all das, was die nächsten Monate noch an Krieg, Zerstörung, Verunsicherung und Abgründen aller Art bringen sollte. Im Jänner 2025 verwandelten sich die malerischen Hügel und Strände rund um Los Angeles in ein flammendes Schlachtfeld: Eine Serie verheerender Waldbrände fegte über Südkalifornien hinweg, forderte Dutzende Menschenleben, zwang Hunderttausende zur Flucht und zerstörte Tausende Häuser – darunter auch die Anwesen zahlreicher Prominenter aus Hollywood und der internationalen Kulturszene.
Die Brände gehören zu den zerstörerischsten in der Geschichte des Großraums Los Angeles. Allein das Palisades-Feuer wütete bis 31. Jänner, verwüstete weite Teile von Pacific Palisades, Topanga und Malibu und vernichtete knapp 7000 Gebäude, bevor es eingedämmt werden konnte. Insgesamt starben dort 12 Menschen. Beim Eaton-Feuer im San Gabriel-Gebiet kamen mindestens 19 Menschen ums Leben, weitere wurden verletzt oder als vermisst gemeldet.
Auf dem Foto sind Feuerwehrmänner zu sehen, die das sogenannte „Kenneth Fire“ in den West Hills von Los Angeles bekämpfen. Im Vergleich zu den verheerenden Palisades- oder Eaton-Bränden war das Kenneth Fire zwar kleiner, führte aber zu Evakuierungsmaßnahmen in mehreren Gemeinden. Es war eine Naturkatastrophe, aber wie so oft war Menschenhand mit im Spiel. Die Stichworte: Klimawandel, schrankenlose Urbanisierung, unzureichende Präventionsmaßnahmen. Dass wir aus Katastrophen wie dieser lernen, ist eher unwahrscheinlich.
Bernd Melichar
>>FEBRUAR
Moment des Dammbruchs
Am 28. Februar reißt Donald Trump den politisch stabilsten Damm der letzten 80 Jahre ein. Er bricht im Weißen Haus vor versammelter Weltpresse nicht nur mit der alten Gewissheit, dass Europa und die USA sicherheitspolitisch an einem Strang ziehen, er sucht bewusst den Bruch mit der Politik seines Amtsvorgängers Joe Biden. Dieser hatte sich massiv für die Ukraine eingesetzt, insgesamt Hilfe im Wert von rund 114 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. An diesem Tag wirft Trump Wolodymyr Selenskyj vor, sich nie ausreichend dafür bedankt zu haben, spricht von fehlenden Karten, die der ukrainische Präsident in der Hand hätte, um den Aggressor Wladimir Putin im Zaum zu halten. Wenig später muss der Ukrainer das Weiße Haus verlassen – ohne Perspektive, dafür mit viel Ballast.
Schnell spekuliert die halbe Welt: War der Gefühlsausbruch geplant? Ist der ehemalige Schauspieler Selenskyj ungewollt zum Teil einer Inszenierung des ehemaligen Showmasters Trump und seines Vizepräsidenten JD Vance geworden? Die Antwort bleibt im Dunkeln, auf die Grenzüberschreitung des 28. Februar folgen aber viele weitere. Der US-Präsident versteht es wie kein anderer, Wut und Eklat zu politischen Stilmitteln zu erheben, er sieht Politik als Spiel, bei dem Angriff die beste Verteidigung ist. Begriffe wie Freund und Feind, Verbündeter und Gegner verschwimmen dabei.
Das gilt vor allem auch für die Ukraine. Trump rudert seit Monaten zwischen der Kreml-Erzählung und einer weiteren Unterstützung für Kiew hin und her – einem Kompass folgt er dabei nicht. In jedem Fall aber sind die alten Gewissheiten weggespült.
Tobias Kurakin
>>MÄRZ
Mühsame Partnersuche
Die Tapetentür in der Hofburg musste einige Male auf- und zugehen, ehe Bundespräsident Alexander Van der Bellen Anfang März die neue Bundesregierung unter Christian Stocker (ÖVP), Andreas Babler (SPÖ) und Beate Meinl-Reisinger (Neos) angeloben konnte.
Die Augen waren in den Monaten davor allerdings vor allem auf einen anderen gerichtet: Herbert Kickl und seine FPÖ waren als klare Sieger aus der Nationalratswahl 2024 gegangen, taten sich im Anschluss allerdings schwer bei der Partnersuche. Für die Bundes-SPÖ kommt eine Koalition mit den Blauen grundsätzlich nicht infrage, auch ÖVP-Kanzler Karl Nehammer hatte eine Zusammenarbeit ausgeschlossen. Also erteilte Van der Bellen nach einem ersten Gesprächsreigen dem türkisen Parteichef den – übrigens in der Verfassung gar nicht vorgesehenen – Regierungsbildungsauftrag.
Der erste Versuch, Österreichs erste Dreierkoalition zu bilden, scheiterte, Nehammer musste gehen. An die Spitze der Volkspartei rückte Christian Stocker nach und trat in Regierungsverhandlungen mit der FPÖ ein – was er in seiner Rolle als ÖVP-Generalsekretär nicht weniger vehement ausgeschlossen hatte als Nehammer.
Schlussendlich rauften sich ÖVP, SPÖ und Neos doch noch zu einer Koalition zusammen, die FPÖ landete auf der Oppositionsbank. Doch Kickl ging aus den längsten Regierungsverhandlungen in der Geschichte der Zweiten Republik zwar nicht als Bundeskanzler, sehr wohl aber als Umfragekaiser hervor: Die Regierungsparteien schwächeln in den Sonntagsfragen, der FPÖ wird ein noch deutlich besseres Ergebnis als bei der letzten Wahl 2024 vorausgesagt.
Vilja Schiretz
>>APRIL
Existenzen in Trümmern
Gemeinsame Augenblicke inmitten eines Trümmermeers: Diese Menschen in Gaza-Stadt nutzten eine fragile Waffenruhe, um umgeben von einer dystopischen Szenerie für das Iftar-Mahl – das im Islam wichtige Fastenbrechen – zusammenzukommen. In weiterer Folge wurden die israelischen Militäroperationen im Gazastreifen wieder ausgeweitet – es folgte eine weitere Bodenoffensive in Gaza. Der nach dem Terrorangriff der islamistischen Hamas im Oktober 2023 tobende Krieg trifft die Zivilbevölkerung massiv. Bis heute leben unzählige palästinensische Familien in Zeltstädten.
„Ärzte ohne Grenzen“ konstatieren „entsetzliche Lebensbedingungen in Gaza“ – es gebe weiter keine ausreichende Gesundheitsversorgung, die Hilfslieferungen reichten weiterhin nicht aus. Und das Waffenruhe-Abkommen, an dessen Ende ein belastbarer Frieden in einem Dauerkrisenherd stehen soll, ist wackelig: Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Zwischenfällen auf beiden Seiten und israelischen Attacken. Den Vereinten Nationen zufolge sind fast 80 Prozent der Gebäude im Gazastreifen beschädigt oder zerstört – nach nicht unabhängig überprüfbaren Angaben der Hamas-Behörden starben im Krieg insgesamt mehr als 66.000 Palästinenser.
Dass der mehrstufige Friedensplan stockt, liegt nicht zuletzt an der schwierigen Entwaffnung der Hamas. Auch die palästinensische Bevölkerung ist in dieser Frage zerrissen: Die einen sind dafür, die anderen – Umfragen zufolge ist es die Mehrheit – sind dagegen, weil sie befürchten, dass der israelische Besatzer dann freie Hand habe. Eines steht außer Frage: Das Leid in Gaza trifft vor allem auch die Kinder.
Thomas Golser
>>MAI
Der Löwe aus Amerika
Kaum jemand hatte ihn auf dem Radar. Nach dem bewegten Pontifikat von Franziskus, dem unkonventionellen, mitunter erratischen Argentinier, ging die Zunft der Vatikanologen von einem konfliktträchtigen Konklave aus, in dem Traditionalisten und Modernisierer hart um den zukünftigen Kurs der Kirche ringen würden. Ihr Großmeister, Marco Politi, sagte gar die dramatischste Papstwahl der letzten 50 Jahre voraus.
Die Sensation war daher perfekt, als schon am zweiten Tag hoch über dem Petersplatz weißer Rauch aus dem Kamin der Sixtinischen Kapelle aufstieg und der Kardinalprotodiakon von der Loggia der Petersbasilika herab der Welt verkündete, dass die Kardinäle der römisch-katholischen Kirche den zweiten Nichteuropäer zu ihrem neuen Oberhaupt gewählt hatten, noch dazu einen US-Amerikaner.
Seit dem 8. Mai sitzt Leo XIV., der 1955 als Robert Francis Prevost in Chicago geboren wurde, nun als 267. Bischof von Rom auf dem Stuhl Petri und macht als sanfter Löwe seinem Namen alle Ehre. In der kapitalismuskritischen Tradition seines Vorgängers und geprägt von den vielen Jahren, die er den Armen nahe in Peru lebte, erhebt er laut seine Stimme gegen die ungerechte Konzentration des Reichtums der Erde in der Hand weniger. Und als „unmenschlich“ hat der Augustinermönch die Migrationspolitik von US-Präsident Donald Trump gegeißelt.
Innerkirchlich scheint Leo eher einer konservativen Auslegung der kirchlichen Lehre zugeneigt. So lehnt er ritualisierte Segensfeiern für homosexuelle Paare ab. Wie er mit den großen Reformfragen, allen voran dem Frauendiakonat, umgehen wird, ist offen.
Stefan Winkler
>>JUNI
Wenn die Worte fehlen
Wir mögen keine Worte haben, aber wir haben einander.“ – Wie Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei der Gedenkfeier am Tag danach ringt ein Land damit, das Geschehene in Worte zu fassen. Zehn Leben hat ein 21-jähriger Steirer innerhalb von sieben Minuten ausgelöscht: Sieben Schülerinnen, zwei Schüler und eine Lehrerin starben beim Amoklauf im Grazer BORG Dreierschützengasse. Elf Menschen wurden schwer verletzt. Der Schütze, ein introvertierter Sonderling mit einer pathologischen Faszination für Schulmassaker, erschoss sich auf dem Schulklo.
Kaum zu ertragen ist der Schmerz für die Hinterbliebenen. Als sie am Vormittag des 10. Juni die Nachricht erreicht, dass in der Schule Schüsse gefallen sind, versuchen sie verzweifelt ihre Töchter, ihre Söhne, ihre Geschwister zu erreichen. Eine Sporthalle, vom Krisenmanagement eiligst in eine Sammelstelle umfunktioniert, wird für die Eltern zum Wartesaal des Schicksals. Wie in einer Lotterie werden Namen aufgerufen. Jenen, die am Ende übrig bleiben, zieht es den Boden unter den Füßen weg.
Drei Tage lang herrscht Staatstrauer. Veranstaltungen werden abgesagt, Parteitage verschoben, die Politik verharrt im verbalen Waffenstillstand. Die Schockwellen der schlimmsten Gewalttat in Österreichs jüngerer Geschichte schwappen weit über das Land hinaus. Doch während sie anderswo schnell wieder verebbt sind, muss Graz und vor allem das BORG Dreierschützengasse einen Weg finden, mit der Tragödie weiterzuleben. Mit Behutsamkeit, professioneller Unterstützung und durch den Zusammenhalt der Schulgemeinschaft gelingt im Herbst der Weg zurück.
Wilfried Rombold
>>JULI
Der Tanz mit den Milliarden
Wir zeigen vor, der Roboter macht nach. Noch ist dieses Konzept relevant, mit dem Aufstieg von Künstlicher Intelligenz beginnt es zu bröckeln. Gibt bald der Computer den Takt vor?
Derlei Gedankenexperimente sind es, die binnen kürzester Zeit ein gigantisches Geschäft entstehen ließen. Eine Wette auf die Zukunft, ein Wettlauf zwischen Firmen und Kontinenten. Gestützt von riesigen Kapitalmengen. 2025 hängen die Börsen an den Lippen der KI. Im Juli knackt Microsoft als erst zweites Unternehmen der Welt die Marke von 4 Billionen US-Dollar (3,5 Billionen Euro) Börsenwert. Zu tun hat das mit der gigantischen Nachfrage nach Anwendungen, die auf KI basieren. Die populärste, der Chatbot ChatGPT, lockt mittlerweile Woche für Woche mehr als 800 Millionen Nutzerinnen und Nutzer.
„KI wird der Schlüssel zum Verständnis und zur Lösung vieler der komplexesten Probleme der Welt sein“, sagt Microsoft-Boss Satya Nadella. „Blindes Vertrauen“ in die KI weiche 2025 einer „nüchternen Auseinandersetzung“, halten Wissenschafter der Uni Linz entgegen. KI komme in der breiten Masse an. Was bedeutet, dass viele Menschen auch ihre Schwächen spüren.
Ebenfalls im Juli gibt die Schweizer Forschungsanstalt Agroscope bekannt, fortan Rabenvögel mithilfe von KI überlisten zu wollen. Man müsse einen Weg finden, schneller zu sein „als die Fähigkeit der Tiere, sich an Maßnahmen anzupassen“. Die Schweizer statten Vogelscheuchen mit Erkennungskamera und Hupe aus. In den USA kündigt Donald Trump an, dass private Unternehmen 92 Milliarden Dollar in den Ausbau des Stromnetzes stecken werden. Der Anlass? Sie ahnen es längst: KI.
Markus Zottler
>>AUGUST
Dein Nachbar, der Elch
Ein tierischer Gast, der in unseren Breiten selten vorbeischaut, beherrschte die österreichische Nachrichtenlage im August. Emil wird künftig als König aller Sommertiere zu gelten haben. Wahrscheinlich aus Polen kommend, wanderte der Jung-Elch aus Tschechien nach Österreich. In Tschechien hatte er seinen Namen erhalten, benannt nach dem dort offenbar unvergessenen Leichtathletikwunder Emil Zátopek, der „Lokomotive“. Emil schlenderte im Gegensatz zu seinem Namenspatron aber eher im Bummelzugtempo umher, kam durch Wald und Au, und bald auch durch Nachbars Garten und Wohnsiedlung. Über das Weinviertel migrierte er nach Österreich, durchwanderte halb Niederösterreich, um nach Oberösterreich zu gelangen, schwamm durch Donau und Enns.
Von Schaulustigen und Polizei begleitet, brachte er auch den Zug- und Autoverkehr durcheinander. Obwohl immer wieder davor gewarnt worden war, ihn zu verschrecken, schien ihn das ganze Bahö wenig zu beeindrucken, er spazierte durch die Landschaft, als hätte er alle Zeit der Welt, und sah sich die unbekannte Gegend interessiert, aber letztlich gleichmütig an. Gefallen hat es ihm vermutlich nicht wirklich, wohl deshalb, weil sich weit und breit keine Elchdame fand. So zog seine Wanderung immer weitere Kreise, bis er in Oberösterreich betäubt wurde und nach Bayern verfrachtet.
Seine Spur verlor sich Ende Oktober im deutsch-tschechischen Grenzgebiet. Vielleicht ist er in angestammte Gefilde zurück und träumt in den langen Nächten von seinem sommerlichen Trip durch Europa, oder noch besser: Er erzählt seinem Elchmädchen davon.
Martin Gasser
>>SEPTEMBER
Ein Mord und ein Vakuum
In den ersten Tagen nach seiner schockierenden Ermordung sah es aus, als hätten Amerikas Konservative in Charlie Kirk den perfekten Märtyrer gefunden. Der 31 Jahre alte Influencer und Redner hatte zu Lebzeiten polarisiert. Die einen feierten ihn als Helden der Meinungsfreiheit, für die anderen war er ein übler Rassist. Mit seiner Jugendorganisation Turning Point USA galt er als Millionenpublikums-Magnet und wichtiger Stimmenbringer für Donald Trumps „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA), aber auch als einflussreicher Vordenker der US-Rechten. Dann wurde er im September bei einer Outdoor-Veranstaltung auf einem Uni-Campus erschossen.
Der mutmaßliche Täter steht mittlerweile vor Gericht, seine Motive waren bisher nicht eindeutig politisch zuzuordnen. Als jedoch Talkshowmaster Jimmy Kimmel die politische Vereinnahmung des Attentats kritisierte, wurde er von seinem Sender abgesetzt (und erst nach Publikumsprotesten wieder installiert). Dann rief Kirks Witwe Erica zu Versöhnung und Vergebung auf und gilt mittlerweile als prominente Unterstützerin von US-Vizepräsident JD Vance.
Um MAGA und seine Agenden wie „America First“, Wirtschaftsnationalismus und die Entmachtung staatlicher Institutionen orten Politikexperten aber bereits einen Richtungsstreit. Der soll am wachsenden Bewusstsein der republikanischen Eliten für den Kräfteverfall ihrer Lichtgestalt Trump liegen. Aber auch am strategischen Vakuum nach Kirks Tod: Als mitreißender Rhetoriker und MAGA-Nachwuchshoffnung trug er zum Rechtsruck der Republikaner bei. Aber ob sich seine Positionen langfristig in der Partei etablieren können, wird erst 2026 zeigen.
Ute Baumhackl
>>OKTOBER
Das Ende eines langen Tages
Es war ein Tag der Freude, nach 738 Tagen voller verzweifelter Hoffnung und schier endlosem Schmerz. Die 20 noch lebenden israelischen Geiseln im Gazastreifen wurden am 13. Oktober von der Terrororganisation Hamas freigelassen. Auf dem „Platz der Geiseln“ im Zentrum der Küstenmetropole Tel Aviv brach an diesem Morgen unter Tausenden dort versammelten Menschen Jubel aus. Es war ein Jubel der Erleichterung nach den Qualen, die durch den Überfall der Hamas am 7. Oktober zwei Jahre zuvor begannen. Auch für die Menschen im Gazastreifen war dies ein guter Tag, nach so vielen, an denen sie ums Überleben kämpften. Zuvor trat am 10. Oktober eine Waffenruhe in Kraft, der ein 20-Punkte-Plan von US-Präsident Donald Trump zugrunde liegt.
Es waren aber auch Stunden des Erinnerns an die 251 verschleppten Geiseln, von denen nur 168 lebend zurückkehrten. Der Österreicher Tal Shoham, der aus dem Kibbutz Beeri entführt worden war, kam am 22. Februar frei. Der österreichisch-israelische Familienvater hat monatelang in einem Tunnel ausharren müssen, erlitt wie die anderen Geiseln, unvorstellbare psychische und physische Torturen.
Viele Israelis beschrieben den 7. Oktober, solange die Geiseln noch in Gaza waren, als einen Tag, der einfach nicht zu Ende gehen wollte. Dieser Schreckenstag, der eine ganze Nation traumatisiert hat, konnte nach mehr als zwei Jahren zu Ende gehen. Die Wunden, die der Terror des 7. Oktober und der israelische Krieg im Gazastreifen gerissen haben, sind tief. Die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben zwischen Israelis und Palästinensern ist fragil, doch sie lebt.
Maria Schaunitzer
>>NOVEMBER
Lange genug gewartet
Am Ende brauchte Michael Gregoritsch rund eine Sekunde, um die Situation zu übernasern und den Ball in gekonnter Stürmermanier über die Torlinie zu drücken. Es mag zu einfach gedacht sein, ein 90-minütiges Fußballspiel auf eine Szene zu reduzieren. Oder gar eine ein halbes Jahr lang dauernde Qualifikation. Oder das Ende einer fast drei Jahrzehnte andauernden Wartezeit auf eine Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Manchmal ist es allerdings so einfach. Im kollektiven Fußball-Gedächtnis von Österreich wird dieser Treffer zum 1:1-Ausgleich gegen Bosnien-Herzegowina als jene Szene verankert bleiben, dank der das Nationalteam erstmals nach 28 Jahren Leidenszeit wieder das WM-Ticket gelöst hat.
Natürlich brauchte es in Wahrheit mehr für das Comeback beim prestigeträchtigsten Fußball-Turnier der Welt als dieses Tor – im „Finale“ gegen Bosnien selbst, in den so erfolgreichen Quali-Monaten und in den Jahren des fußballerischen Aufbaus, der diese Kicker-Generation auch durch Momente des Scheiterns zu verdienten WM-Teilnehmern reifen ließ. Ob David Alaba, Marko Arnautović oder Gregoritsch – ihre Karrieren wären unvollendet gewesen ohne eine einzige Spielminute bei einer WM. 10.221 Tage werden am 17. Juni 2026 beim Ankick des ersten Gruppenspiels gegen Jordanien vergangen sein seit Österreichs bis dato letztem WM-Match 1998 gegen Italien. Wer sich daran erinnert, ist tendenziell Ü35. Mehr als eine Fan-Generation ist inzwischen zu jung, um das Gefühl überhaupt zu kennen, mit dem ÖFB-Team bei einer WM mitzufiebern. Egal welches Altersspektrum: Herbeigesehnt haben diese Sekunde alle ÖFB-Anhänger. Und das lange genug.
Peter Altmann
>>DEZEMBER
Er hat es geschafft
Benito Antonio Martínez Ocasio hatte viel zu tun in diesem Jahr. Als Bad Bunny veröffentlichte er im Jänner „Debí Tirar Más Fotos“, sein sechstes Album. Damit löste er nicht weniger als ein von Jíbaro-Beats gesteuertes Erdbeben in der Musikszene aus. Im Sommer machte er aus der größten Konzerthalle seiner Heimat Puerto Rico für 30 Konzerte lang eine riesige Hausparty. Ein Kinofilm, Latin-Grammy-Auszeichnungen und ein Vogue Cover als „Best Dressed“-Person später, folgte der krönende Jahresabschluss: Platz 1 auf der Spotify-Liste der meistgestreamten Künstler. Bad Bunny erobert sich mit dem Mix aus Salsa, Plena und Reggaeton die puerto-ricanische Kultur nicht nur zurück – er trägt sie in die Welt und macht Latin-Pop zum globalen Phänomen.
Einige meinen, das läge daran, dass er jetzt politischer sei. Fans finden, das war er eigentlich schon immer. Was hätte an einem Supermarktverkäufer aus dem US-Außengebiet, der zum Weltstar wurde, nicht politisch sein können? Aus den Augen derer, die in Vega Baja wohnen, ist er der eine, der es geschafft hat, denn: Die großen Bühnen, die roten Teppiche und Magazin-Cover – sie sind nicht vorgesehen für jemanden wie ihn. Jemanden, der der Welt aus englischen Pop-Hits lateinamerikanische Rhythmen entgegenhält. Jemanden, der als Zeichen gegen ihre Migrationspolitik bisher keinen Halt in den USA einplant. Jemanden, der sich keinen Meter größer macht, als er ist. Das neue Jahr wird für Bad Bunny übrigens ebenso explosiv beginnen, wie das dann vergangene endet. Der Künstler wird die Halbzeit-Show beim NFL-Superbowl in den USA bestreiten.
Hannah Ludmann
Fotos
Jänner: AP Photo/Ethan Swope; Februar: AFP/Saul Loeb; März: APA/Tobias Steinmaurer; April: AFP/Omar Al-Qattaa; Mai: APA/Reuters/Yara Nardi; Juni: KLZ/Stefan Pajman; Juli: APA/AFP/Hector Retamal; August: APA/Helmut Fohringer; September: AP/Tess Crowley; Oktober: APA/Reuters/Itai Ron; November: Imago Images/Gonzales Photo/Balazs Popal; Dezember: Getty Images/Taylor Hill.
Jänner
Jänner
Februar
Februar
März
März
April
April
Mai
Mai
Juni
Juni
Juli
Juli
August
August
September
September
Oktober
Oktober
November
November
Dezember
Dezember