USA UND ISRAEL GEGEN IRAN

Pulverfass Nahost: Hintergründe einer Eskalation

Von Jonas Binder und Silke Ulrich

Seit 28. Februar 2026 greifen Israel und die USA den 90-Millionen-Einwohner-Staat Iran aus der Luft an. Die Regierung in Teheran schickt im Gegenzug Raketen und Drohnen gegen Israel sowie US-Basen und zivile Ziele. Der Krieg hat bereits mehrere hundert Tote gefordert. Hinter der jüngsten Eskalation steckt eine jahrelange Feindschaft. Ein Blick auf die Geschichte und die aktuellen Ereignisse, Stand 6. März 2026.

Zwischen zwei Großmächten

Bereits vor dem 20. Jahrhundert gerät der Iran, damals auch Persien genannt, ins Visier von Russland und Großbritannien, die mit politischem, wirtschaftlichem und militärischem Druck ihren Einfluss in Zentralasien zu sichern suchen. Im Vertrag von St. Petersburg teilen sich die Großmächte 1907 das Land in einen  russischen Einflussbereich im Norden,  einen  britischen Einflussbereich im Süden  und eine  neutrale Pufferzone  auf. Die im Ersten Weltkrieg erklärte Neutralität des Iran wird von den Kriegsparteien missachtet und das Land so zum Schauplatz von Kämpfen zwischen russischen sowie britischen und osmanischen Truppen.

Unter alliierter Besatzung

Im Zweiten Weltkrieg erklärt sich der Iran abermals für neutral. Infolge der deutschen Invasion in die Sowjetunion besetzen 1941  britische  und  sowjetische  Truppen das erdölreiche und strategisch günstig gelegene Land, das auch wichtiger Handelspartner des Deutschen Reiches ist. Die Besatzungsmächte, die bis 1946 wieder abziehen, zwingen den iranischen Monarchen Reza Schah Pahlavi zur Abdankung, billigen aber seinen Sohn Mohammed Reza Pahlavi als Nachfolger.

Reformen, Repression, islamische Revolution

Ministerpräsident Mohammed Mossadegh, politischer Widersacher von Mohammed Reza Pahlavi, verstaatlicht die iranische Ölindustrie. Er wird 1953 mit Unterstützung des US-Geheimdienstes CIA abgesetzt. Der Schah führt Reformen nach westlichem Vorbild durch, die die Rechte von Frauen deutlich verbessern, schaltet aber auch die Opposition aus und baut den berüchtigten Geheimdienst SAVAK auf. Zudem stoßen die Reformen bei Konservativen und den schiitischen Geistlichen, darunter Ajatollah Ruhollah Khomeini, auf Widerstand. Ab 1964 im Exil, wird Khomeini zur Gallionsfigur der Proteste, an denen sich auch liberale sowie politisch linke und rechte Gruppen beteiligen. 1979 flieht der Schah, Khomeini kehrt zurück und die Bevölkerung stimmt für die Gründung einer Islamischen Republik.

Iran-Irak-Krieg

Ebenfalls 1979 besetzen Studenten mit Billigung Khomeinis die US-Botschaft in der Hauptstadt Teheran und nehmen mehr als 50 Geiseln, die großteils erst 444 Tage später freikommen. Die USA brechen ihre diplomatischen Beziehungen zum Iran ab, auch auf die zuvor sehr guten israelisch-iranischen Beziehungen folgt Vernichtungsrethorik gegenüber dem jüdischen Staat. Der Islam durchdringt das politische System, Justizsystem, Bildungssystem und den Alltag: Es gelten Geschlechtertrennung und strenge Bekleidungsvorschriften für Frauen. 1980 überfällt Saddam Hussein, sunnitischer Diktator des  Iraks,  den Iran. Er wird von den meisten arabischen Staaten unterstützt. Der Krieg mit Hunderttausenden Toten auf beiden Seiten endet erst 1988. Im Jahr darauf stirbt Khomeini und Ali Khamenei wird sein Nachfolger als Oberster Führer.

Zweiter und dritter Golfkrieg

Der Irak erobert und annektiert 1990 den Golfstaat  Kuwait.  Truppen einer internationalen  Militärkoalition  von 34 Ländern unter der Führung der USA und mit Ermächtigung des UN-Sicherheitsrats greifen daraufhin den Irak an, der sich wieder zurückziehen muss. Saddam Hussein kann sich zunächst an der Macht halten. Doch auch die USA sind nun mit einem großen Truppenaufgebot im Nahen Osten präsent. 2003 marschieren sie unter Präsident George W. Bush gemeinsam mit Großbritannien und anderen Partnern erneut in den Irak ein und stürzen den Diktator. Ein Jahr zuvor hat Bush den Irak, Iran sowie Nordkorea als „Achse des Bösen“ bezeichnet.

„Achse des Widerstands“

Nach Ende des Dritten Golfkriegs entsteht ein regionales Machtvakuum, das der mit Syrien verbündete Iran für sich nutzt, indem er  antiamerikanische bzw. antiisraelische Milizen  unterstützt. Dazu zählen die Hisbollah im Libanon, die gegen Israel kämpft (das dort bereits mehrmals einmarschiert ist) sowie die seit 2006 im Gazastreifen herrschende palästinensische Hamas. Auch die im Norden des Jemen aktiven Huthi-Rebellen werden von Teheran unterstützt. Sie feuern regelmäßig Geschosse auf Israel, das mit Luftangriffen reagiert, und attackieren Handels- sowie Militärschiffe. Auch die USA und Saudi-Arabien greifen die Huthis an. Im Irak gibt es ebenfalls schiitische Milizen, die mit dem Iran verbündet sind.

Iranisches Atomprogramm

Als 2002 ein geheimes Programm zur Uran-Anreicherung öffentlich wird, wirft der Westen dem Iran vor, eine Atombombe bauen zu wollen. Die iranische Regierung spricht hingegen von einer zivilen Nutzung. Israel, das selbst Atomwaffen besitzen dürfte, fordert harte Maßnahmen gegen Teheran. 2015 wird in Wien das internationale Atomabkommen unterzeichnet. Der Iran akzeptiert strenge Auflagen und Transparenzmaßnahmen, im Gegenzug werden internationale Sanktionen aufgehoben. US-Präsident Donald Trump kündigt 2018 das Abkommen einseitig auf und verhängt neue Sanktionen. 2021 bemüht sich US-Präsident Joe Biden um erneute Atomverhandlungen mit dem Iran.

US-Militärpräsenz

Nicht nur der Iran mit seiner „Achse des Widerstands“, sondern auch  die USA haben Verbündete  in Nahost, die (abgesehen von Kuwait) Israel neutral bis freundschaftlich gegenüberstehen. Die USA unterhalten   langjährige Militärbasen in Kuwait, Katar, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten und sind darüber hinaus in einigen   weitere Militäreinrichtungen in der Region präsent. 2020 töten sie den einflussreichen iranischen General Qassem Soleimani mit einer Drohne im Irak. Der Iran antwortet mit einem Vergeltungsschlag auf einen dortigen US-Luftwaffenstützpunkt.

Israel und Iran 2024: Gegenseitige Angriffe

Am 1. April 2024 werden bei einem mutmaßlichen   Luftangriff Israels auf das Gelände der iranischen Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus Generäle der Revolutionsgarden getötet. In der Nacht auf den 14. April greift der Iran daraufhin Israel erstmals direkt an. Rund 300 Raketen und Drohnen sollen abgefeuert worden sein, einige davon auch durch Hisbollah und Huthi-Rebellen. Nur wenige Flugkörper verursachen   Schäden, fast alle werden abgefangen. Am 1. Oktober feuert der Iran zum zweiten Mal Raketen auf Israel. Die rund 180 Flugkörper können nach israelischen Angaben abermals großteils abgefangen werden. Am 26. Oktober folgt ein israelischer Vergeltungsschlag auf   iranische Militärstützpunkte.

2025 attackiert Israel iranische Atomanlagen

Nach jahrelangen Drohungen von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gegen das iranische Nuklearprogramm bombardiert Israel in der Nacht auf den 13. Juni 2025 schließlich in einer massiven   Angriffswelle iranische Atomanlagen und militärische Einrichtungen. Dabei werden auch hochrangige Militärkommandeure getötet. In der Nacht auf den 22. Juni schalten sich die USA mit Bombardements der iranischen Atomanlagen Fordo, Natanz und Isfahan in den israelisch-iranischen Krieg ein. Der Iran schickt im Gegenzug mehr als hundert   Drohnen und Raketen gegen Israel und attackiert am 23. Juni auch den US-Stützpunkt in Katar. Der Konflikt endet mit einer Waffenruhe. Israel tötet indes am 9. September in Katar gezielt eine Hamas-Delegation per Luftangriff.

Tausende Tote bei Massenprotesten

Ende Dezember 2025 kommt es zu massiven Protesten im Iran, die sich an der schlechten Wirtschaftslage entzünden, aber zu einer Massenbewegung an   zahlreichen Orten im ganzen Land gegen die religiöse und politische Führung der Islamischen Republik anwachsen. Die Behörden gehen brutal gegen die Demonstrierenden vor. Während die staatlichen Medien rund 3100 Tote einräumen, rechnen Menschenrechtsorganisationen mit deutlich höheren Opferzahlen. So könnte es zwischen 5000 und 20.000, nach manchen Berichten sogar bis zu 30.000 Tote geben. Auch 2022 sind landesweit bereits Zehntausende Iranerinnen und Iraner auf die Straßen gegangen, nachdem die 22-jährige Mahsa Amini in Gewahrsam der Sittenpolizei ums Leben gekommen war.

US-israelischer Großangriff 2026

Am 28. Februar 2026 starten Israel und die USA einen Großangriff mit Tausenden   Luftschlägen auf den Iran. Laut dem iranischen Roten Halbmond sind mit Stand 6. März fast 800 Menschen getötet worden, darunter mindestens 175 bei einem Angriff auf eine Mädchenschule. Auch der Oberste Führer Khamenei sowie hochrangige Militärs und Beamte werden getötet. Der Iran und seine verbündeten Milizen schießen als Reaktion   Hunderte Drohnen und Raketen auf Israel sowie US-Stützpunkte in den Golfstaaten und weitere Ziele ab. Zumindest zehn Tote gibt es in Israel, mindestens sechs in Bahrain, Kuwait und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Israel beschießt auch die Hisbollah im Libanon. Das libanesische Gesundheitsministerium meldet mehr als 120 Tote.

Wirtschaftliche Auswirkungen

Der Iran verfügt über die drittgrößten Ölreserven und zählt zu den zehn größten Produzenten weltweit. Die Produktion wird jedoch von den US-Sanktionen gedrückt, der Iran exportiert überwiegend nach China. Auch Saudi-Arabien und der Irak sowie Kuwait zählen zu den bedeutendsten Ölproduzenten. Am meisten Erdöl fördern übrigens die USA mit einem Anteil von fast einem Fünftel an der Weltproduktion.

Straße von Hormus

Zentral für den Export aus den Golfstaaten ist der Transport per Öltanker. Große Mengen – 30 Prozent des weltweiten verschifften Öls bzw. rund ein Fünftel des weltweiten Bedarfs – werden dabei durch die Straße von Hormus transportiert. Als Reaktion auf die Angriffe hat das iranische Regime jedoch die Meerenge zwischen dem Iran und dem Oman gesperrt. Das hat weltweite Auswirkungen auf die bereits steigenden Ölpreise, die bei längerer Blockade auf 100 US-Dollar pro Fass und darüber hinaus explodieren könnten. Die Karte zeigt, wo der Schiffsverkehr im Persischen Golf normalerweise besonders dicht ist – dargestellt sind Tanker im September 2024.

Anmerkung: Die Karten der Raketen- bzw. Bomben- und Drohneneinschläge sowie der Proteste stellen eine Auswahl dar und sollen, wie diese Kartensammlung insgesamt, einen illustrativen Überblick über die Entwicklungen in der Region bieten. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Zusammenstellung: Jonas Binder

Karten: Silke Ulrich

Quellen: APA; Bundeszentrale für politische Bildung; New York Times; Asadpour (2020): Der Iran in der internationalen Politik 1939-1948; Gronke (2003): Geschichte Irans: von der Islamisierung bis zur Gegenwart; Rosa Luxemburg Stiftung; Österreichische Akademie der Wissenschaften/Robert Steele

Kartenquellen: APA; APA/BBC; Institute for the Study of War/AEI's Critical Threats Project; Richard (2019): Iran: A Social and Political History Since the Qajars; Shuster (1912): The Strangling of Persia; Council on Foreign Relations; Encyclopedia Britannica; Global Maritime Traffic