GRAZ WÄHLT
Das Rathaus und die Ausgangslage zur Gemeinderatswahl 2026
INFOGRAFIK. Elf Listen stellen sich der Wahl, bei der 225.883 Menschen ihre Stimme abgeben können. Die Wahlbeteiligung war zuletzt niedrig, 2021 machten nur 54 Prozent von ihrem Wahlrecht Gebrauch.
Von Silke Ulrich und Gerald Winter-Pölsler
Im Rathaus „wohnt“ die Macht in Graz: Hier tagen Stadtregierung und Gemeinderat, auch Teile der Stadtverwaltung sind hier untergebracht. Am Hauptplatz 1 schlägt also das politische Herz der Stadt. Am 28. Juni 2026 entscheidet sich, wer im historischen Bau künftig das Sagen hat.
Eckdaten
Adresse:
Hauptplatz 1, 8010 Graz
Eröffnet: 1894 findet die erste Gemeinderatssitzung im Rathaus in seiner heutigen Erscheinungsform statt.
Architekten: Alexander Wielemans und Theodor Reuter
Baustil: späthistoristisch-altdeutsch
Höhe: 55 m
Fläche gesamt: 12.878 m2
Büros: 185
Mitarbeiter: rund 300
Erdgeschoß
Haupteingang/Portier
Für die Bürgerinnen und Bürger ist die Halle hinter der vorspringenden Fassade das Eintrittstor ins Rathaus. Die Halle ist dreischiffig und mit Säulen gegliedert.
1. Stock
Der Trauungssaal
Hier wird öfter „Ja“ gesagt als im Gemeinderatssaal – zum Glück! Der Trauungssaal ist für viele Grazerinnen und Grazer das eigentliche Herzstück des Rathauses.
2. Stock
Das Büro der Bürgermeisterin
Im nördlichen Eck des Rathauses befindet sich das Zentrum der Grazer Stadtregierung, das Bürgermeisteramt.
An das Arbeitszimmer von Elke Kahr sind die Mitarbeiterbüros angeschlossen.
2. Stock
Der Gemeinderatssitzungssaal
Er ist das Zentrum des Grazer Rathauses: Hier tagen die 48 Gemeinderäte und die sieben Mitglieder der Stadtregierung.
Der Deckenluster wurde 1894 in Wien per Hand gefertigt und hat zufälligerweise genau 48 Lampen – wie die heutige Anzahl der Sitze im Gemeinderat (damals noch 56).
2. Stock
Baumkircherzimmer
Diese Wände schmücken die von heimischen Künstlern gefertigten Porträts der Grazer Ehrenbürger und Ehrenbürgerinnen.
2. Stock
Der Stadtsenatssitzungssaal
Hier trifft sich wöchentlich die Regierung der Stadt – der Stadtsenat – zu ihren Sitzungen. An den Wänden hängen die Porträts der früheren Grazer Bürgermeister.
3. Stock
Besuchergalerie
Der Gemeinderatssitzungssaal erstreckt sich über zwei Etagen. Interessierte Besucherinnen und Besucher können von der Galerie im 3. Stock aus öffentliche Sitzungen verfolgen.
Daneben befinden sich Büros der Stadträte und Gemeinderatsklubs.
3. Stock
Die Pionierinnengalerie
Der Gangbereich vor der Besuchergalerie ist inspirierenden Frauen, die in Graz gewirkt und seit dem 19. Jahrhundert traditionelle Rollenbilder nachhaltig verändert haben, gewidmet.
Dach
Die Rathausuhr
Kein Rathaus ohne Uhr. Das mechanische Uhrwerk der Grazer Rathausuhr befindet sich in einer gemauerten Kammer im Dachboden über dem Gemeinderatssitzungssaal.
Dach
Der Rathausmann
Der Ritter hoch oben über dem Portal steht symbolisch für Herrschaft und Schutz. Die Grazer Bürger krönten im 19. Jahrhundert damit ihr Rathaus, das das benachbarte Landhaus überstrahlen sollte.
Dach
Die Kuppel
Auf der markanten Kuppel sitzt eine Laterne, die von einem Balkon umgeben, öffentlich aber nicht zugänglich ist. Darüber befindet sich noch eine kleinere Laterne. Im Bild ein seltener Blick vom Rathausturm (anlässlich der Gedenkfeier der Opfer des Amoklaufs im BORG Dreierschützengasse 2025).
Nicht alles im Rathausblock gehört wirklich zum Rathaus und der Stadt. Ein Teil ist noch immer privat. Auch Geschäfte und Büros sind hier untergebracht.
Historisches
Das Rathaus dominiert seit Jahrhunderten den Grazer Hauptplatz. So wie wir es heute – im Großen und Ganzen – kennen, besteht es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Zweimal wurde es im Lauf seines Bestehens komplett umgebaut.
1448
Erstes Rathaus
Ein erstes „Stadthaus“ wird 1375 erwähnt. 1448 bestimmt Kaiser Friedrich III. die so genannte „alte Kanzlei“ als Rathaus in der damaligen Judengasse, das Haus erweist sich aber bald als zu klein.
um 1550
Das erste Rathaus auf dem Hauptplatz
Im Renaissancebau befinden sich auch die Hauptwache, Gefängnisse und die Wohnungen der Wärter. Im großen Saal finden Hinrichtungen hochgestellter Persönlichkeiten statt.
1671
Hinrichtung von Tattenbach
So geschehen am 1. Dezember 1671, als der Regierungsrat Johann Erasmus von Tattenbach wegen Hochverrats zum Tode verurteilt wurde. Der Delinquent wird im großen Saal des Rathauses geköpft.
1803 bis 1807
Umbau zum klassizistischen Palais
Der Grazer Architekt Christoph Stadler baut das Rathaus um. Doch schon wenige Jahre später wird das Haus abermals zu klein, zumal auch die 1869 gegründete „Gemeinde-Sparcasse“ dort unterkommen muss.
1880
Planungsbeginn für ein neues Rathaus
Nach langem hin und her inklusive Überlegungen für einen völlig neuen Standort wird das Haus nach Plänen von Alexander Wielemann und Theodor Reuter erneut aus- und umgebaut. Es entsteht die dominierende Rathauskuppel. 1894 findet die erste Gemeinderatssitzung im späthistorisch-altdeutsch geprägten Rathaus statt.
1922 bis 1967
Diskussionen um die Fassade
1922 wird die Fassade vereinfacht, 1957 werden mehrere Figuren entfernt. 1962 will man gar zur klassizistischen Form zurückkehren, die Grazer Bevölkerung spricht sich jedoch dagegen aus. 1966–67 wird die Fassade stattdessen renoviert. Im Bild: Das geschmückte Rathaus anlässlich der 20-Jahr-Feier der Republik am 1. Mai 1965.
2000
Letzte Renovierung
Insgesamt 4,5 Millionen Euro werden im Jahr 2000 in die Renovierung investiert. Als Fassadenverkleidung dienen in dieser Zeit Karikaturen von Manfred Deix. Ab 2001 werden manche der entfernten 1957 Figuren wieder nachgebaut.
2020
Dachsanierung
Das Rathaus ist undicht, eine Dachsanierung nötig. Imzuge dessen werden auch die Elektronik erneuert sowie der Gemeinderatssitzungssaal klimatisiert. Insgesamt werden dafür 3,9 Millionen Euro ausgegeben.
2021
Renovierung des Gemeinderatssitzungssaals
Im Folgejahr wird der Gemeinderatssitzungssaal auch optisch modernisiert. Der Umbau schlägt sich mit 2,2 Millionen Euro zu Buche.
Politischer Wandel in Graz
Von der SPÖ-Hochburg über eine jahrelange ÖVP-Dominanz zur KPÖ-Regierung: Nach fast 60 Jahren in SPÖ-Hand wurde Graz unter Siegfried Nagl von 2003 bis 2021 von der ÖVP regiert. Bei der letzten Gemeinderatswahl kam es zu einem deutlichen Bruch und die KPÖ mit Elke Kahr lag plötzlich klar voran. An der politischen Landkarte ist dieser politische Wandel klar erkennbar.
1998
Ende des 20. Jahrhunderts ist Graz politisch zweigeteilt. Seit 1945 war die SPÖ stets stimmenstärkste Partei.
2003
Im Kulturhauptstadtjahr kommt unter Siegfried Nagl die Wende für die ÖVP. Nur noch in vier Bezirken kann die SPÖ die Mehrheit halten, der Rest färbt sich schwarz.
2008
Der ÖVP-Bürgermeister kann seine Mehrheit weiter ausbauen. Nun sticht nur noch der Bezirk Lend rot gefärbt hervor.
2012
Die ÖVP kann sich erneut behaupten, doch die SPÖ verschwindet vollkommen von der Landkarte. Stattdessen erlangt Elke Kahr mit der KPÖ mit knapp 20 Prozent den zweiten Platz und in ihrem Heimatbezirk Gries die Mehrheit.
2017
Bei der nächsten Gemeinderatswahl im Jahr 2017 zeigt sich dasselbe Bild.
2021
Völlig überraschend gewinnt die KPÖ die Wahl. Siegfried Nagl, inzwischen längstdienender Bürgermeister, verabschiedet sich aus der Politik. Mit Elke Kahr übernimmt erstmals eine Frau das Bürgermeisteramt in Graz.
Ergebnisse
seit 1945
bei Gemeinderatswahlen in Graz
Die letzte Umfrage im Vergleich zur Wahl 2021
2021 kam es zu einem überraschenden Wahlsieg der KPÖ.
Sonntagsfrage (Hochschätzung)
Angenommen, die nächste Grazer Gemeinderatswahl wäre bereits heute, welcher Partei würden Sie da Ihre Stimme geben?
Digitale Aufbereitung:
Silke Ulrich
3D-Rendering:
Stephan Pelizzari
Text:
Gerald Winter-Pölsler, Norbert Swoboda, Silke Ulrich
Grafik:
Silke Ulrich, Günter Pichler
Video:
Silke Ulrich
Fotos:
KLZ/Jürgen Fuchs (8), KLZ/Stefan Pajman (3), KLZ/Sabine Hoffmann, Stadt Graz, Plankenauer, APA/Stadt Graz, Landesarchiv/KK (5), Adobe Stock
Quellen:
Kleine Zeitung Archiv, „Damals in Graz“/Robert Engele,
www.graz.at