BESUCH IM FRIAUL

50 Jahre nach der Katastrophe:

„Wir sind alle Kinder des Bebens“

REPORTAGE. Am 6. Mai 1976 zerstörte das große Erdbeben von Friaul den Ort Venzone. Doch seine Bewohner gaben nicht auf. Eine Spurensuche 50 Jahre danach.

Von Stefan Winkler aus Venzone

Venzone, 6. Mai 1976. In dem mittelalterlichen friulanischen Städtchen am Fluss Tagliamento geht ein ungewöhnlich heißer Tag zu Ende. Die Sonne kann hier, am Fuß der Julischen Alpen, um diese Jahreszeit einige Kraft entwickeln.

„An diesem Tag war die Schwüle quälend“, erinnert sich Vanda Fadi. Mit ihrem Mann Giuliano und dem zwei Monate alten Sohn Alessandro ist die junge Lehrerin am Abend zu Besuch bei Verwandten am Hauptplatz, nur einen Steinwurf von der eigenen Wohnung entfernt.

In vertrauter Atmosphäre sitzt man beieinander, während sich tief im Untergrund die Katastrophe anbahnt. Es ist 20.59 Uhr, als sich die gewaltigen, durch die Verschiebung der Erdplatten aufgestauten Kräfte mit einem Schlag entladen und die Zeit für immer in ein Davor und ein Danach teilen.

Zeitzeugen der Katastrophe im Gespräch: Vanda Fadi und Franco d’Angelo

Zeitzeugen der Katastrophe im Gespräch: Vanda Fadi und Franco d’Angelo

Das Inferno, das nun losbricht, trifft die jungen Leute unvorbereitet und mit voller Wucht. „Ich wusste gar nicht, was vor sich geht“, erzählt die 70-jährige pensionierte Pädagogin. Die Erde grollt, der Boden gibt nach, Wände, Dächer stürzen ein, Wasser- und Gasrohre platzen, Glas zerbirst, Holz zersplittert, Putz und Mauerteile fallen herab. „Ein Erdbeben, hat jemand geschrien. Schnell, schnell unter den Türsturz! Von dort sind wir dann über die Treppen hinunter auf den Platz, wo sich die Menschen schon in Panik gedrängt haben. Ich hatte den Kleinen im Arm. Da stand ein Auto. Die Scheinwerfer waren an. In ihrem Licht erst habe ich bemerkt, dass das Gesicht meines Sohnes voller Blut war. Da hab’ ich laut um Hilfe gerufen. Zum Glück war es dann nur ein harmloser Kratzer.“

Das Inferno, das nun losbricht, trifft die jungen Leute unvorbereitet und mit voller Wucht. „Ich wusste gar nicht, was vor sich geht“, erzählt die 70-jährige pensionierte Pädagogin. Die Erde grollt, der Boden gibt nach, Wände, Dächer stürzen ein, Wasser- und Gasrohre platzen, Glas zerbirst, Holz zersplittert, Putz und Mauerteile fallen herab. „Ein Erdbeben, hat jemand geschrien. Schnell, schnell unter den Türsturz! Von dort sind wir dann über die Treppen hinunter auf den Platz, wo sich die Menschen schon in Panik gedrängt haben. Ich hatte den Kleinen im Arm. Da stand ein Auto. Die Scheinwerfer waren an. In ihrem Licht erst habe ich bemerkt, dass das Gesicht meines Sohnes voller Blut war. Da hab’ ich laut um Hilfe gerufen. Zum Glück war es dann nur ein harmloser Kratzer.“

Zeitzeugen der Katastrophe im Gespräch: Vanda Fadi und Franco d’Angelo

Zeitzeugen der Katastrophe im Gespräch: Vanda Fadi und Franco d’Angelo

Das Auto mit den aufgeblendeten Scheinwerfern gehört Pietro Bellina. Der junge Bankangestellte wollte ins nahe Gemona zur Chorprobe fahren. Der erste Erdstoß überrascht ihn im Caffè Vecchio auf der Piazza, wo er sich noch mit einem Espresso stärken wollte. „Erst nach vielen Jahren wurde mir klar, wie ich mich in diesem Moment gefühlt habe. Es war, als wäre ich in einem Glasballon, den jemand mit einem großen Hammer zerschlägt.“ Bellina stürzt hinaus zum Auto, das er gegenüber vom Rathaus geparkt hat. „Ich starte. Weg, nichts wie weg. Aber der Wagen macht nur einen Satz nach vorne, dann stirbt der Motor ab. Im selben Augenblick bricht ein Balkon herunter und zerschmettert die Heckscheibe. Wäre ich nur einen halben Meter weiter hinten gestanden, hätten mich die Steine erschlagen.“

Es war, als wäre ich in einem Glasballon, den jemand mit einem großen Hammer zerschlägt.
Zeitzeuge Pietro Bellina

Nicht alle haben so unglaubliches Glück. „Eines der ersten Opfer in Venzone war Marinella, eine Studentin“, erinnert sich Bellina. „Ihre Mutter hat sie verzweifelt gesucht und mich gefragt, ob ich sie gesehen hätte. Ich verneinte. Man fand sie später nahe dem Dom.“

Pietro Bellina hat 1976 großes Glück. Manche Autos werden vollends unter den herabfallenden Trümmern begraben.

Pietro Bellina hat 1976 großes Glück. Manche Autos werden vollends unter den herabfallenden Trümmern begraben.

Pietro Bellina hat 1976 großes Glück. Manche Autos werden vollends unter den herabfallenden Trümmern begraben.

Pietro Bellina hat 1976 großes Glück. Manche Autos werden vollends unter den herabfallenden Trümmern begraben.

Geschichten wie diese kann man zum 50. Jahrestag des großen Bebens in Venzone viele hören. Sie wühlen immer noch auf, denn es sind Blitzlichter vom Tod und vom Überleben, die sich ins Gedächtnis der Menschen eingebrannt haben. Noch ein halbes Jahrhundert später reden sie darüber, als ob es gestern gewesen wäre.

An Zufälle wollen in diesem seismisch hochaktiven Landstrich, der seit Menschengedenken Jahr für Jahr von unzähligen kleinen, oft kaum wahrnehmbaren Erdstößen erschüttert wird, nur wenige glauben. Von schicksalshafter Fügung spricht Pietro Bellina. Gleich zweimal ist er an diesem 6. Mai 1976 haarscharf dem Tod entronnen. Das eine Mal hat ihn der frühe Aufbruch von daheim gerettet, wo er später sein Bett verschüttet vorfand. Das andere Mal verfehlten ihn die auf sein Auto herabstürzenden Trümmer nur knapp.

Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Angst, dass der Albtraum zurückkehrt und mit ihm der Schmerz.
Zeitzeuge Pietro Bellina

Bellina ist ein freundlicher älterer Herr mit wachen Augen. Für das Treffen nimmt er sich Zeit. Vom Fenster seiner kleinen Wohnung blickt man auf Gärten, in denen die Bäume blühen. Das Haus, ein alter Palazzo, wurde erdbebensicher wiedererrichtet. Wie überall im Ort ließ man die nach dem Beben noch stehenden Grundmauern unverputzt. Die Zerstörungen sollten für immer sichtbar sein. Wie sehr beherrschen sie sein Denken? „Hast du jemals erlebt, dass einer deiner Lieben nach langer Krankheit starb?“, fragt Bellina. „Man hofft zu vergessen, aber Jahre später erkrankt wieder jemand, und man durchlebt alles von Neuem. So ist es mit dem Beben. Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird die Angst, dass der Albtraum zurückkehrt und mit ihm der Schmerz.“

Mahnmal: die Ruinen von San Giovanni Battista

Mahnmal: die Ruinen von San Giovanni Battista

Orcolat“, so nennen die Menschen im Friaul in ihrer alten rätoromanischen Sprache das Ungeheuer, das der Sage nach tief im Berg schläft und jedes Mal, wenn es erwacht, die Erde erschüttert. An diesem 6. Mai kennt sein Furor keine Grenzen. In 59 Sekunden reißen Stöße der Stärke 6,5 auf der Richterskala fast 1000 Menschen in den Tod, darunter 47 in Venzone. Sie zerstören Gemona, Osoppo, Trasaghis, Magnano, Buja, Artegna, Maiano und viele andere Orte, vernichten Kunstwerke von unschätzbarem Wert und machen Zehntausende obdachlos. Geologen wie F. Giorgetti ordnen die Auswirkungen im Epizentrum damals der Kategorie neun (IX) bis zehn (X) auf der zwölfstufigen MSK-Schadensskala zu.

Ein zweites verheerendes Beben am 15. September bringt zum Einsturz, was noch aufrecht steht, und macht die Hoffnung auf einen raschen Wiederaufbau zunichte.

Ein von den Erdbebengemeinden gestiftetes Museum bewahrt in Venzone die Erinnerung an das Elementarereignis. Sich intensiv damit auseinandergesetzt und sogar ein Buch darüber verfasst hat auch Giacomina Pellizzari. Viele Jahre lang schrieb sie für die Tageszeitung „Il Messaggero Veneto“ über das Beben – über die Momente des Schreckens, die Tage unmittelbar danach, die Welle der Hilfsbereitschaft aus dem In- und Ausland, das Leben in den Zeltstädten und Barackensiedlungen, den Wiederaufbau unter Entbehrungen und das selbstbewusste, stolze Friaul, das aus den Ruinen neu erstand.

Das Erdbeben war ein Wendepunkt.
Giacomina Pellizzari, pensionierte Journalistin

„Das Erdbeben war ein Wendepunkt“, erzählt die pensionierte Journalistin. „Es traf eine in Teilen noch bäuerlich geprägte Gesellschaft auf dem Sprung in die Moderne. Die Katastrophe hat den Wandel beschleunigt.“

Dass das verwüstete Land heute als Erfolgsmodell gilt und obendrein eine der reichsten Regionen Italiens ist, sei, so Pellizzari, auf eine wegweisende Entscheidung zurückzuführen. „Zum ersten Mal hat der Staat die Region damit beauftragt, den Wiederaufbau eigenständig zu leiten. Und die Region hat die Bürgermeister in die Pflicht genommen.“ Nicht Rom schaffte zentralistisch an, was zu tun ist, sondern „la ricostruzione“ wurde zur Sache der Friulaner, und zwar mit aller Konsequenz.

So wird die Idee, die verheerten Dörfer aufzugeben und entlang der Staatsstraße Pontebbana neu zu errichten, rasch verworfen. Pellizzari: „Die Leute in den Zeltstädten sagten: Wir wollen das nicht. Wir wollen alles wiederaufbauen, dov‘era, com‘era – wo es war und wie es war.“ Für Pelizzari spiegelt sich darin die tiefe Verwurzelung der Friulaner in ihrer Geschichte wider. Dov‘era, com‘era ist mehr als nur ein Wunsch. Es ist ein Bekenntnis, das zur Losung einer ganzen Generation wird.

In Venzone, das seit 1965 als Ganzes unter Denkmalschutz steht, stoppen blutjunge Idealisten um den Historiker Remo Cacitti die Bagger und bewahren die alten Häuser und Kirchen vor dem Abriss. Ihre Hauptaufmerksamkeit gilt dem zerstörten gotischen Dom. Er soll strahlend wiedererstehen. In mühevoller Kleinstarbeit werden in den darauffolgenden Jahren zigtausende Steine erfasst, geordnet und auf riesigen Lagerplätzen aufgereiht. Aber man kommt nur langsam voran.

Journalistin Giacomina Pellizzari in den Gassen von Venzone

Journalistin Giacomina Pellizzari in den Gassen von Venzone

Aus den Trümmern wiedererstanden, trägt Venzone die Spuren der Zerstörungen bis heute für jedermann sichtbar.

Aus den Trümmern wiedererstanden, trägt Venzone die Spuren der Zerstörungen bis heute für jedermann sichtbar.

„Als ich 1983 als Pfarrer nach Venzone kam, war da nichts. Man konnte über die Mauerstümpfe von einem Stadttor zum anderen sehen“, erzählt Don Roberto Bertossi. Im 80. Lebensjahr stehend, ist er als Seelsorger immer noch voll im Einsatz. Den ganzen Tag war er in den Dörfern unterwegs. Erst am Abend hat er Zeit für ein Gespräch. In der Bar am Platz freuen sich die jungen Leute, als sie ihn sehen. Der Priester ist beliebt. Er gehört den „Glesie Furlane“ an, einer Gruppe innerhalb des friulanischen Klerus, die 1976 nach dem Beben die Parole ausgab: „Prime lis fabrichis, dopo lis cjasis, po lis glesiis“ – „Zuerst die Fabriken, dann die Häuser, dann die Kirchen“. „Gottesdienste kann man auch im Freien feiern“, erinnert sich Don Roberto. „Arbeit und ein Dach über den Kopf hatten in diesen Zeiten der Not Vorrang.“

Don Roberto Bertossi ist seit 43 Jahren Pfarrer von Venzone

Don Roberto Bertossi ist seit 43 Jahren Pfarrer von Venzone

Bei seiner Ankunft in Venzone sieben Jahre nach dem Beben seien die Gedanken aller nur um den privaten Wiederaufbau gekreist, erzählt der Pfarrer. So stark das Unglück zunächst die Menschen zusammenschweißte, so sehr machen sich nun Fliehkräfte bemerkbar. Die Kirche, die von Beginn an ihren Platz bei den Verzweifelten sah, will die Herde zusammenhalten. Die Kirchenruinen bieten sich als Orte des Zusammenfindens an. Man trifft sich am Wochenende für den Wiederaufbau. „Oft kamen 50, 60 Personen, Männer, Frauen, Jugendliche und sogar Kinder“, erzählt Don Roberto. „Diese Momente waren für viele eine Rückeroberung. Sie brachte Leute, die zuvor mit ihren eigenen Problemen beschäftigt waren, einander wieder näher.“

Man nahm das Beben als etwas, das schon immer geschehen ist, als Naturgesetz, das man nicht auf eine Stufe mit dem göttlichen Willen stellt.
Pfarrer Don Roberto Bertossi

Das Herzensprojekt des Pfarrers wird für mehr als ein Jahrzehnt der Dom. Im Jahr 1338 dem Apostel Andreas geweiht, wird er unter der Anleitung von Denkmalschutzexperten aus den vorhandenen Bruchstücken so weit wie möglich wiederhergestellt. 1995 erst sind die Arbeiten beendet. Der Frage, wie ein guter Gott das Beben und all das daraus resultierende Leid zulassen konnte, sei er in seinen 43 Jahren in Venzone kaum begegnet, erzählt der Priester. „Es gab keine offene Auflehnung. Die Leute versuchten, das Unheil auch aus religiöser Sicht zu rationalisieren. Man nahm das Beben als etwas, das schon immer geschehen ist, als Naturgesetz, das man nicht auf eine Stufe mit dem göttlichen Willen stellt.“

Und dennoch wirkt das große Beben in Venzone bis heute fort, zunächst auf ganz praktischer Ebene. „Es gäbe so viel zu tun“, klagt Franco d’Angelo. Der pensionierte Polizist und Gemeinderat berichtet von den Schwierigkeiten, die kommunalen Wohnungen in der Altstadt an die Bedürfnisse des 21. Jahrhunderts anzupassen. Für jeden Eingriff musst du beim Denkmalschutz eine Genehmigung einholen, und sei es, dass du nur eine Wand streichen willst.“

Und dann sind da die Folgen, die man mit bloßem Auge nicht sehen kann. In der Pasticceria auf der Piazza erzählt Vanda Fadi, die ehemalige Lehrerin, bei einem Espresso, wie sie noch Jahre später in der Schule, wenn die Erde leise zitterte, ihre Panik unterdrückte, um die Kinder nicht zu verängstigen. Sie erinnert sich aber auch an schöne Momente im Elend, die Solidarität in den Zeltstädten und die Welle der Hilfsbereitschaft aus dem Ausland. „Wir waren früher ziemlich verschlossen. Dann kamen all die Leute von weither, um uns zu helfen. Das hat uns offener gemacht.“ Manchmal, sagt Fadi, wenn sie im wiedererstandenen Venzone spazieren geht, frage sie sich: „Ist das, was ich erlebt habe, wirklich wahr?“ Der Mensch neige zum Vergessen. „Manchmal kommt mir vor, alles war nur ein Traum.“

Giacomina Pellizzari, die Journalistin, war 15 Jahre alt, nach eigenen Worten „kaum mehr als ein Kind“, als der Orcolat tief im Berg aus seinem Schlaf erwachte und ihr Elternhaus im kleinen Dorf Preone zerstörte. „Das Beben hat unser Leben verändert“, sagt sie zum Abschied an der Stadtmauer. „Wir alle sind ein wenig seine Kinder.“

Fotos: KLZ/Stefan Winkler (11), Imago Images (3)

Erdbebenkarte: KLZ/Fatima Al Masodi nach F. Giorgetti (1976)