EMPFEHLUNGEN DER REDAKTION

Heißer Lesestoff für den Sommer

Illustration: Adobe Stock

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Kein Sommer ohne „Sommerbücher“. Mit diesen Tipps der Redaktion kommen Sie gut durch eine hoffentlich möglichst unbeschwerte Zeit. Lesen Sie wohl!

Ursula Poznanski

Katz-und-Maus-Spiel

Empfohlen von Marianne Fischer

Innenarchitektin Viola sitzt nach der Amputation des linken Unterschenkels in ihrem abgelegenen Haus fest. Immer mehr hat sie den Verdacht, dass um sie herum viel gelogen wird – und sie beginnt, ihre Umgebung mittels kleiner GPS-Tracker zu überwachen. Rasant und wendungsreich geht es in die Abgründe eines perfiden Katz-und-Maus-Spiels.

Ursula Poznanski. Signal. Knaur, 400 Seiten, 25,50 Euro.

Stephen King

Horror-Meisterwerk

Empfohlen von Martin Gasser

1500 Seiten Spannung. Stephen Kings Opus Magnum ist streckenweise zwar ausgesprochen brutal, aber erwachsene Leser werden sich mit dieser Geschichte über das Böse, das in Zyklen eine Kleinstadt heimsucht, großartig unterhalten. Und weil ein Großteil des Horror-Meisterwerks in den Sommerferien spielt, passt „Es“ wunderbar in die Jahreszeit.

Stephen King. Es. Heyne,
1540 Seiten, 19 Euro.

Birgit Birnbacher

Gegen den Strich

Empfohlen von Bernd Melichar

Birgit Birnbacher schafft es, aus dem Leben Literatur zu destillieren; aber so, dass es auch in literarisierter Form nach prallem Leben riecht. Im neuen Roman erzählt sie von einer Mutter und deren Sohn, die sich gegen eine konformistische Welt stemmen. Viel geht schief, aber am Ende steht der Satz: „Immer wieder ist es auch schön.“

Birgit Birnbacher. Sie wollen uns erzählen. Zsolnay, 224 Seiten, 25,50 Euro.

Judith Schalansky

Schürfungen

Empfohlen von Susanne Rakowitz

Sie krallt sich fest, man hakt sich unter, es folgt ein Flanieren durch die Welt, ihre großen Arenen und Nischen. Schalansky, wie man sie kennt, die Königin der Assoziationsketten, blitzschnell, treffsicher, sprachlich geschliffen. Nie weiß man, was hinter der nächsten Biegung wartet. Alles dreht sich um Marmor, Quecksilber, Nebel.

Judith Schalansky. Marmor, Quecksilber, Nebel. Suhrkamp, 176 Seiten, 25,50 Euro.

António Lobo Antunes

Bildgewaltig

Empfohlen von Stefan Winkler

Wer die Sprachlabyrinthe von António Lobo Antunes betritt, läuft Gefahr, sich darin zu verlieren. Ihr vielstimmiger Zauber ist einzigartig. In seinem letzten Roman erzählt der im März verstorbene Autor vom Sohn einer verarmten Großgrundbesitzerfamilie und von der Liebe in den dunklen Zeiten der Diktatur.

António L. Antunes. Wörterbuch der Sprache der Blumen. Luchterhand, 448 S., 29,50 Euro.

Garry Disher

Flucht und Zuflucht

Empfohlen von Marianne Fischer

Er ist ein Meister seines Fachs: Der Australier Garry Disher erzählt von der cleveren Diebin Grace, die sich in den Adelaide Hills mit Erin, der Besitzerin eines Antiquitätenladens, anfreundet – ohne zu wissen, dass auch sie auf der Flucht ist. Fesselnder Thriller über Geheimnisse, Vertrauen und die Suche nach einem Zuhause.

Garry Disher. Zuflucht. Unionsverlag, 336 Seiten, 25,50 Euro.

Antonio Scurati

Erhellend

Empfohlen von Martin Gasser

Im Frühjahr erschien der fünfte und letzte Teil „Das Ende und der Anfang“ von Antonio Scuratis Roman-Biografie über Benito Mussolini. Aber man sollte als Einsteigerin oder Einsteiger bei Band Eins „Der Sohn des Jahrhunderts“ anfangen. Zeitgeschichte, literarisch brillant aufgearbeitet. Und bei insgesamt fast 3000 Seiten hat man gut zu tun.

Antonio Scurati. M - Das Ende und der Anfang. Klett-Cotta, 368 Seiten, 29,50 Euro.

John Irving

Queere Querköpfe

Empfohlen von Bernd Melichar

Starke Frauen, kleinwüchsige Männer, queere Querköpfe, Ringer, ein Schriftsteller als Hauptfigur, und wieder ist (neben New Hampshire) Wien Schauplatz des neuen Romans von John Irving. Die wunderbar wendungsreiche Familiengeschichte ist schwer irvingesque und ein flammendes Plädoyer, Andersartigkeit als Gewinn zu sehen.

John Irving. Königin Esther. Diogenes, 560 Seiten, 33,50 Euro.

Leïla Slimani

Überleben

Empfohlen von Susanne Rakowitz

Der letzte Teil der Trilogie über eine Familie in Marokko. Drei Generationen, drei Frauen und jede kämpft mit den Entbehrungen und Einschränkungen ihrer Zeit. Ein intensives Eintauchen in Biografien von Menschen, die, um leben zu können, erst einmal überleben müssen. Ein Kaleidoskop der unausgesprochenen Sehnsüchte.

Leïla Slimani. Trag das Feuer weiter. Luchterhand, 448 Seiten, 26,50 Euro.

Dacia Maraini

Zeitlose
Suche

Empfohlen von Stefan Winkler

Dacia Maraini ist die große alte Dame der italienischen Literatur und ihr im barocken Sizilien angesiedelter Roman über die taubstumme Herzogin Marianna Ucrià längst ein Klassiker. Das liegt nicht nur an der eleganten Sprache, sondern auch daran, dass Marainis Lebensthema, die weibliche Identitätssuche, von zeitloser Relevanz ist.

Dacia Maraini. Die stumme Herzogin. Folio Verlag, 380 Seiten, 28 Euro.

Alexander Eden

Eine ungewöhnliche
Frau

Empfohlen von Marianne Fischer

Im Berlin des Jahres 1913 ist Emma nicht nur als Besitzerin eines Führerscheins eine ungewöhnliche Erscheinung, sondern auch als Hoteldetektivin. Als ein Todesfall von der Polizei als Suizid abgetan wird, ermittelt sie selbst. Atmosphärisch erzählter Krimi rund um eine Frau, die sich mit Hartnäckigkeit und Verstand durchsetzt.

Alexander Eden. Die Hoteldetektin. HarperCollins, 400 Seiten, 14 Euro.

Alice Munro

Großes, handlich gemacht

Empfohlen von Martin Gasser

Ein Vademecum: Fischer gibt in einer Mini-Reihe auch größter Literatur ein handliches Format. Aus den Dutzenden Büchern seien frühe Erzählungen aus der frisch zugespitzten Feder von Alice Munro empfohlen. Auch weil Erzählungen zu Unrecht im Schatten der Romane stehen. Hier: Schilderungen des Alltags, die hängen bleiben.

Alice Munro. Tanz der seligen Geister. S. Fischer, 384 Seiten, 14,90 Euro.

E. M. Forster

Very british – aber
nicht nur

Empfohlen von Bernd Melichar

„Wiedersehen in Howards Ende“ und „Zimmer mit Aussicht“ sind Klassiker der Moderne, jetzt erscheint auch dieses Werk von E. M. Forster (1879–1970) erstmals in deutscher Übersetzung. Auf ebenso feinfühlige wie scharfsinnige Weise seziert Forster in diesem Bildungsroman die Klassenunterschiede der (britischen) Gesellschaft.

E. M. Forster. Die längste Reise. Nagel und Kimche, 432 Seiten, 25,50 Euro.

Jonas Lüscher

Erzählungen
vom Irrwitz

Empfohlen von Susanne Rakowitz

Mensch und Maschine, eine Verbindung, die lohnend, aber auch toxisch ist. Die Erzählung beginnt in einem Schützengraben im Ersten Weltkrieg und Lüscher skizziert die Fragilität des Menschen mit einer Wucht und Intensität, die Gänsehaut macht. Nicht nur, es ist der Irrwitz Mensch gegen Maschine, den der Autor seziert.

Jonas Lüscher. Verzauberte Vorbestimmung. Hanser, 352 Seiten, 27,50 Euro.

Homer

Immer noch
auf Irrfahrt

Empfohlen von Stefan Winkler

Mehr als 2500 Jahre nach ihrer Entstehung fesselt uns die Geschichte von Odysseus, hier meisterhaft in Prosa übertragen, noch immer. Zu entdecken gibt es zwar nur noch die Kontinente der Seele. Aber Homers Held berührt uns, weil wir uns in seiner langen Heimkehr mit unseren eigenen Sehnsüchten und Irrfahrten wiederfinden.

Homer. Die Odyssee. Insel Verlag, 454 Seiten, 19 Euro.

Candice Fox

Für heiße Tage

Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig

High Wire, so heißt die Straße durch das australische Outback, mehr eine staubige Schotterpiste durch die Wildnis als eine Straße; und so lautet auch der Originaltitel des neuesten Krimis der australischen Queen of Crime Candice Fox. In „Outback Killers“ (warum eigentlich ein anderer englischer Titel für die deutsche Übersetzung?) geraten Harvey und Clare, eine Anhalterin, die er in der Wüste mitgenommen hat, in die Hände einer brutalen Bande. Drei Killer wollen sich an Harvey für etwas rächen, was in Afghanistan geschah. Mit umgeschnallten Sprengstoffwesten werden die beiden Überfallenen zu verbrecherischen Missionen ausgeschickt. Rasant und sprachlich souverän erzählt, wie man es von ihr gewohnt ist, nimmt Candice Fox ihre Leserschaft mit auf einen mörderischen Roadtrip voll atemloser Action und aufkeimender Gefühle. Hart im Inhalt und voll überraschender Wendungen bleibt der Thriller spannend bis zur letzten Seite – ein cooles Buch für heiße Tage!

Candice Fox. Outback Killers. Suhrkamp, 430 Euro, 19 Euro.

Johanna Sebauer

Doppeltes Ich

Empfohlen von Bernd Melichar

In ihrem ersten Roman „Nincshof“, von der Kritik hochgelobt und vom Lesepublikum sehr geschätzt, hat die österreichische Schriftstellerin Johanna Sebauer ein Dorf an der österreichisch-ungarischen Grenze erschaffen, in dem die Menschen glatt vom Erdboden verschwinden möchten, um sich den Zumutungen und dem Zugriff der Gegenwart zu entziehen; diese Verweigerung bleibt der Hauptfigur in ihrem neuen Roman verwehrt. Denn Hendrik Popom gibt es gleich in zweifacher Ausfertigung – und das erschwert das Entkommen.
Als der Endzwanziger ohne nennenswerte Eigenschaften eines Abends in einem Kiosk noch schnell etwas einkauft, begegnet er plötzlich – sich selbst. Jedenfalls ist Popom felsenfest davon überzeugt. Der Mann ist zwar älter als er und anders gekleidet, aber ansonsten decken sich die biografischen Daten haargenau. Der ältere Mann will von der geheimnisvollen „Doppelung“ zunächst nichts wissen, doch allmählich entwickelt sich eine wechselvolle Beziehung zwischen den beiden Popoms, die möglicherweise tatsächlich eins sind – oder auch nicht.
Wieder gelingt Johanna Sebauer ein ebenso unterhaltsames wie literarisch ansprechendes Spiel mit der Wirklichkeit. Feiner Humor und leise Melancholie durchziehen auch diesen Roman, das Spiel mit den Absurditäten des Lebens geht Sebauer wunderbar leicht von der Hand. Wobei das oberflächlich Komödiantische bei dieser Autorin stets mit einer weniger lustigen Metaebene unterfüttert ist. Im Fall von Popóm – die ältere Ich-Ausgabe legt Wert auf den Accent auf dem zweiten „o“ – ist es die Ich-Fixierung der Gesellschaft, deren Hauptbeschäftigung eine immer exzessivere Nabel- und Narbenschau zu sein scheint.
Die ganze Welt kreist um das eigene Ich – und darob verliert man zunehmend die Welt aus dem Blick. Denn natürlich spiegelt sich Hendrik Popom in seinem älteren Ich wider. Popom läuft sich selbst hinterher und kommt sich dadurch immer mehr abhanden.
Am Ende geht der Selbstfindungstrip dennoch gut aus, Johanna Sebauer verzichtet bewusst auf eine erhellende Schlusspointe. Das spricht für sie – und entspricht dem „echten“ Leben. Apropos: Der ältere Popóm betreibt ein Pfeifengeschäft, und eine Pfeife ziert auch das Buchcover. Natürlich ist das eine Anspielung auf René Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“ („Das ist keine Pfeife“).
Will heißen: Beim Dargestellten hat man es mit einem Bild zu tun und nicht mit einer tatsächlichen Pfeife, die man rauchen könnte. Hendrik Popom scheint das letztendlich begriffen zu haben.

Johanna Sebauer. Popóm. DuMont, 221 Seiten, 25,50 Euro.

Heinz Strunk

Bad Pizza alla Strunk

Empfohlen von Bernd Melichar

Wer noch alle Literaturtassen im Schrank hat, hat sämtliche Bücher von Heinz Strunk ebendort stehen – im Schrank nämlich. Aber den Menschen in diesen Büchern möchte man nicht begegnen. Ein verlogenes, verrohtes, verkommenes Pack ist das meist, natürlich verwandt mit uns selbst, aber in der grandiosen Überspitzung von Strunk mag man das wahrlich nicht wahrhaben.
Bertram und Isolde – „Namen wie aus einem Loriot-Sketch“ – heißen die Leutchen in Strunks neuem Roman „Memories of Heidelberg“. Der Titel bezieht sich auf einen pickigen Schlager von Peggy March, der ständig in die Gehörgänge von Bertram und Isolde träufelt. Das Ehepaar verbringt einige Tage in einem überteuerten Boutiquehotel, das sich als versifftes Geisterloch entpuppt. Zu Abend gegessen wird beim Italiener gegenüber, das Lokal befindet sich auf einem Schiff. Dort werden Bertram und Isolde zwar gedemütigt und mit mieser Pizza abgefertigt, dennoch kommen sie immer wieder.
Nichts ist schön, nichts gelingt, alles stinkt. Strunk lässt auch diesmal keine Gnade walten in seiner buchstäblich schrecklich komischen Milieustudie und knüpft sein Personal an einer Dauerschleife auf Katastrophen auf. Das Ehepaar hat sich längst nichts mehr zu sagen außer gegenseitigen Gemeinheiten und Grausamkeiten. Isolde will keinen Sex mehr, Bertram dafür umso mehr Fressbares. Aber, und das ist wohl die diabolische Botschaft von Strunk: Alle sind selbst schuld an ihrem Unglück, aus dem sie ganz freiwillig nicht entkommen wollen.
Am Ende sind alle ausgebrannt und der Rest des Settings ist niedergebrannt. Mögen Bertram, Isolde und all die anderen nie unsere Wege kreuzen. Oder könnte wenigstens jemand die Spiegel an der Wand abhängen!

Heinz Strunk. Memories of Heidelberg. Rowohlt, 172 Seiten, 24,50 Euro.