REDAKTION EMPFIEHLT
Auf diese Bücher sollten Sie nicht verzichten
Der Bücherfrühling ist da: Diese Romane und Sachbücher empfehlen unserer Redakteurinnen und Redakteure. Aber lesen Sie selbst!
Verena Stauffer
Wege aus der Schaffenskrise
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Was mit einem „silbrigen Regen-Vorhang“ in New York beginnt, endet mit den grünen Augen eines Babys: Verena Stauffers Roman „Strahlen“ glänzt und glitzert in vielen Farben. Die oberösterreichische Autorin erzählt eine Dreiecksgeschichte, bei der sich die Künstlerin Ava aus einer unglücklichen Beziehung lösen will. Nicht nur die Schaffenskrise der Heldin wird dabei sichtbar, sondern auch die feine Sprachkunst der als Lyrikerin bekannten Autorin.
Verena Stauffer. Strahlen. Frankfurter Verlagsanstalt, 320 Seiten, 26 Euro.
Rachel Khong
„Echte“
Amerikaner?
Empfohlen von Bernd Melichar
Schon der Titel ist politisch unterfüttert. „Real Americans“ heißt der hochgelobte Roman von Rachel Khong. Aber was sind „echte“ Amerikaner; welche Identität müssen sie haben, welche Hautfarbe? Khong erzählt von Lily, Tochter chinesischer Einwanderer, die sich in Matthew, Sohn aus reichem (weißen) Haus verliebt. Heirat, Baby, Trennung. Jahre später leben Mutter und Sohn auf einer entlegenen Insel, der Vater ist längst abwesend – doch der Sohn beginnt Fragen zu stellen. Ein gescheiter „Page Turner“ mit Tiefgang.
Rachel Khong. Real Americans. Kiepenheuer & Witsch, 526 Seiten, 24,50 Euro.
C. Thi Nguyen
Die Last
der Likes
Empfohlen von Julian Melichar
Fitness-Daten tracken, auf Likes-Jagd auf Social Media gehen, Ranglisten und Produktrezensionen. Der moderne Mensch ist umgeben von Bewertungen, mit denen er die Welt auf ihre Nützlichkeit abklopft. Wir werden von Scores angezogen, „weil sie uns von der schmerzhaften Komplexität des Lebens befreien“, schreibt der US-Philosoph Nguyen (Schwerpunkt: Spiele und Technik) und zeigt, warum diese Vermessung vermessen ist. Eine herausfordernde, lebensverliebte Analyse wider die Eindeutigkeit.
C. Thi Nguyen. The Score. C.H. Beck, 377 Seiten, 29,95 Euro.
Ursula Wiegele
Im Rhythmus der Gezeiten
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Nur zwei Katzen leisten dem Musiker Luca auf einer einsamen Insel in der Lagune von Grado Gesellschaft. Hierher hat sich der Held von Ursula Wiegeles Roman „Nur die Laute der Vögel“ zurückgezogen – mit einer schmerzenden Hand und der Sehnsucht nach Ruhe. Er beobachtet die Vögel, lebt im Rhythmus der Gezeiten, fernab vom digitalen Lärm. Sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist der alte Fischer Matteo, der ein Freund wird. Der Sommer ist ausgefüllt mit Rudern, Fischfang und Gartenarbeit - als eine Art Eremiten-Roman ist das Buch eine stimmungsvolle Einladung zum „slow living“. Am Ende wird Luca wieder seine Gambe zur Hand nehmen können. Und ja, auch „Madonnina del mare“, das berührende Lied der Gradeser Fischer, wird angestimmt.
Ursula Wiegele. Nur die Laute der Vögel. Otto Müller Verlag, 164 Seiten, 24 Euro.
Asta Olivia Nordenhof
„Der Kapitalismus ist ein Massaker“
Empfohlen von Bernd Melichar
Die literarischen Nordmänner haben es mit den Zyklen – schlag nach bei Karl Ove Knausgård oder Jon Fosse. Jetzt gesellt sich eine „Nordfrau“ zur Runde: Ihr Name: Asta Olivia Nordenhof. Für ihren Roman „Geld in der Tasche“ gewann die Dänin bereits den Literaturpreis der Europäischen Union und den Per-Olov-Enquist-Preis. Das Buch ist der Auftakt zu einer auf sieben Bände angelegten Romanserie, auch der zweite (bei uns noch nicht erschienene) Band „Das Teufelsbuch“ wurde in Dänemark sofort zum Bestseller. Aber teuflisch geht es bereits in „Geld in der Tasche“ zu. Nordenhof vereint darin geharnischte Kapitalismuskritik mit einer Familientragödie. Im Zentrum steht das Ehepaar Maggie und Kurt, deren Beziehung auf sehr dünnem Eis steht. Während sich Maggie Gedanken über ihr torkelndes Leben macht, träumt Kurt vom schnellen Geld. Dabei lässt er sich auf ein Projekt ein, das mit der „Scandinavian Star“-Katastrophe zu tun hat; jenem tatsächlich passierten Fährunglück im Jahr 1990, bei dem 159 Menschen durch einen Versicherungsbetrug ums Leben kamen. „Geld in der Tasche“ ist ein dunkel funkelndes Buch über Geiz, Gier und menschenverachtenden Zynismus. Der Stil von Nordenhof ist gleichzeitig schroff und voll verzweifelter Anteilnahme. Der Untergang wird fortgesetzt.
Asta Olivia Nordenhof. Geld in der Tasche. Claassen, 175 Seiten, 24,50 Euro.
Stephanie Burt
Der Weg zum
Weltstar
Empfohlen von Sandra Lehofer
Als Stephanie Burt 2024 an der Harvard-Universität erstmals ein Seminar über Taylor Swift anbot, war der Andrang der Studierenden enorm. In „Taylor’s Version“ hat Burt ihre Thesen über Swifts Erfolg ausgearbeitet und nimmt die Leser mit auf eine spannende Reise von Album zu Album: vom Erwachsenwerden – Swift war bei der Veröffentlichung ihres ersten Albums 16 Jahre alt – über Krisen, Liebe und gescheiterte Beziehungen bis hin zum Streben nach Erfolg und der Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Burt geht dabei in die Tiefe, beleuchtet eindrucksvoll musikalische Zusammenhänge und setzt sich mit Swifts ausdrucksstarken, selbst geschriebenen Songtexten auseinander.
Stephanie Burt. Taylor‘s Version. C.H. Beck, 364 Seiten, 29,95 Euro.
Peter Rosei
Von Aufsteigern und Anti-Helden
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Wie kann ein sinnvolles Leben gelingen? Zwei Brüder und ihre Mutter stehen im Zentrum von Peter Roseis neuem Roman „Unsterbliche Seelen“, der wie schon so oft seinen Finger auf die Wunden der Gesellschaft legt – präzise, lakonisch und ab und zu auch sarkastisch. Das Leben „ist öde und flau“ für den Wiener Robert Perwald, Sohn eines verstorbenen Schuhfabrikanten und einer einstigen Josefstadt-Schauspielerin, die das Unternehmen ihres Mannes erfolgreich weiterführt. Mit seiner Frau Yoko ist der Wirtschaftswissenschaftler Perwald nach Tokio gegangen, weg aus dem Einflussbereich der Mutter mit ihren unzähligen Geliebten. Als Yoko sich scheiden lässt, beginnt der Abstieg des phlegmatischen und biederen Mannes, der zurück in Wien nun doch die Leitung der Schuhfabrik übernimmt. „Sein Herz, ja, es war grundsätzlich weich und nachgiebig gestimmt, wenn er mit Mama beisammen war. Er wollte sie keinesfalls verärgern, das bestimmt nicht, das keinesfalls.“ Und doch geschieht das Unerklärliche: Ohne Grund und emotionslos ermordet Robert Perwald eines Tages seine Mutter, erstickt sie mit einem Polster. Im zweiten Teil des schmalen aber dichten Romans taucht Roberts Halbbruder Herbert Schlesinger aus Chicago auf. Er war als Baby von der gemeinsamen Mutter zur Adoption freigegeben worden und erfährt nach dem Mord erstmals von seiner Wiener Verwandtschaft. Zusätzlich lernt man noch zahlreiche Personen aus dem amerikanischen Leben des Immobilieninvestors kennen. Auch Herbert Schlesinger treibt das Streben nach Geld, Macht und Ansehen an; die Begegnung mit seinem Halbbruder in der Haftanstalt Stein weckt dann schließlich doch die Emotionen in den beiden Männern. Aber eigentlich ist es zu spät.
Peter Rosei. Unsterbliche Seelen. Residenz, 208 Seiten, 26 Euro.
Margaret Laurence
Gegen alle
Widerstände
Empfohlen von Bernd Melichar
Margaret Atwood und Alice Munro kennt man als bedeutende kanadische Autorinnen, Margaret Laurence (1926-1987) ist hierzulande noch weitgehend unbekannt. Zum 100. Geburtstag erscheint erstmals in deutscher Übersetzung ihr preisgekröntes Meisterwerk „Glücklichere Tage“, in dem sie die bewegende (autobiografisch gefärbte) Emanzipationsgeschichte von Morag Gunn erzählt, die als Waise in der kanadischen Prärie aufwächst und sich gegen alle Widerstände ihren Platz als Schriftstellerin erkämpft.
Margaret Laurence. Glücklichere Tage. Eisele, 543 Seiten, 28,50 Euro.
Jannis Brühl
Abgründe der
Tech-Elite
Empfohlen von Julian Melichar
Sie wollen den Staat als Start-up führen und sehen ihre Visionen durch das Gängelband der Demokratie in Gefahr. Die Rede ist von den Tech-Denkern im Silicon Valley. Also jenen Männern, denen wir uns im digitalen Zeitalter willfährig ausliefern. Mittlerweile hat dieser elitäre Kreis unmittelbaren Zugang ins Weiße Haus, sich selbst radikalisiert und beansprucht die Welt für sich. Digitalexperte Jannis Brühl erklärt, welche zerstörerischen Pläne dieser Zirkel verfolgt und wie er weltweit operiert. Ein griffiges wie drängendes Werk.
Jannis Brühl. Disruption. Deutsche Verlagsanstalt, 256 Seiten, 20,95 Euro.
Katherina Braschel
Schmerzhafte Spurensuche
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Bisher sah sich die Familie von Erzählerin Lina als Opfer des Zweiten Weltkriegs. Sie stammt von Donauschwaben ab, die aus ihrer Heimat nahe Belgrad Mitte der 1940er-Jahre vertrieben wurden und sich in Salzburg ansiedelten. Der Debütroman von Katherina Braschel, geboren 1992, folgt den Spuren dieser Familiengeschichte, erforscht die untergegangene Welt der Großeltern, erzählt von historischer Schuld und Identitätssuche. Denn große Teile der deutschen Volksgruppe der Donauschwaben im ehemaligen Jugoslawien hatten mit dem NS-Regime kollaboriert, und Lina erfährt schließlich von der Mitgliedschaft ihres verstorbenen Großvaters bei der SS. Sie macht sich auf eine Reise nach Serbien auf und stellt sich auch der Konfrontation mit ihrer beschwichtigenden Mutter.
Katherina Braschel. Heim holen. Residenz Verlag. 272 Seiten, 24 Euro.
Elizabeth Strout
Kleine Leben, große Literatur
Empfohlen von Bernd Melichar
Viele Bücher von Elizabeth Strout beginnen im Herbst, auch dieses. Und heuer kommt er früh, der Herbst in Maine. „In Crosby macht diesmal der große Ahorn neben der Kirche den Anfang.“ Es ist also vertrautes Terrain, das Lesende und Strout-Kundige in „Erzähl mir alles“ betreten. Maine ist der Resonanzraum des Werkes von Strout, die selbst 1956 in diesem Bundesstaat zur Welt kam. Und auch die Figuren, auf die man trifft, sind gute alte Bekannte, fast könnte man es ein Familientreffen nennen. Man kennt einander. Manche mag man mehr, andere weniger. Da wäre Olive Kitteridge, inzwischen – wie die meisten Strout-Figuren – längst im Herbst ihres Lebens angekommen. Ihr hat Elizabeth Strout sogar einen eigenen Roman gewidmet, 2008 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet und später als Serie mit der großartigen Frances McCormand verfilmt. Und da ist natürlich Lucy Barton, die Schriftstellerin, und ihr Ex-Mann William, der Mikrobiologe. Eine zentrale Rolle im neuen Roman nimmt aber Bob Burgess an. Mit ihm übernimmt Lucy lange Spaziergänge. Es sind nicht die großen Dramen, über die die beiden reden, sondern die kleinen Erlebnisse, Verwerfungen, Glücksmomente und fallweise falschen Abzweigungen, die ein Leben ausmachen. Es sind meist unaufgeregte Biografien, die Elizabeth Strout zum Leben erweckt, aber indem sie davon erzählt, verleiht sie diesen Lebensläufen Bedeutung. Nie urteilt Strout, nie schüttet sie Zynismus über Misslungenes aus, vielmehr geht sie behutsam mit den Bruchlinien um, die diesen menschlichen und geografischen Topos durchziehen. Dass diesmal sogar ein Kriminalfall eingebettet ist ins Geschehen, ist eine kleine Kirsche auf der Torte; aber um ein Whodunit geht es Strout natürlich nicht – am spannendsten bleibt das Alltagsleben in all seiner Rauheit und Schönheit. Und auch wenn die Welt zunehmend aus den Fugen gerät, die Literatur von Elizabeth Strout vermittelt das Gefühl großer Stabilität; davon, dass es noch Dinge gibt, auf die man sich verlassen kann – gute Bücher wie dieses zum Beispiel. Oprah Winfrey hat es so ausgedrückt: „Ein wunderschönes Buch, das uns daran erinnert, dass in einfachen Gesten oft tiefe empfundene Zuneigung steckt.“
Elizabeth Strout. Erzähl mir alles. Luchterhand, 394 Seiten, 25,50 Euro.
M. Kocher, M. Sutter
Vertrauen
ist gut
Empfohlen von Manfred Neuper
Kooperation und Vertrauen: Der Schlüssel zum Erfolg in Wirtschaft, Politik und Arbeitsleben“ – dass der Untertitel mehr als eine Binsenweisheit ist, wird bereits auf den ersten Seiten deutlich. Dafür garantiert die Autorenpaarung: Martin Kocher, Ökonom und Gouverneur der Nationalbank und Matthias Sutter, Direktor am Max-Planck-Institut für Verhaltensökonomik, warten mit klugen Thesen und Analysen auf. Zentrale Frage: „Wie werden wir gemeinsam stärker?“ Die Antwort fällt fundiert und praxisnah aus.
Martin Kocher, Matthias Sutter. Gemeinsam stark. Ecowing, 240 Seiten, 26,95 Euro.
Magdalena Schrefel
Der Himmel
verblasst
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Wie viele Blautöne hat der Himmel? Im Debüt von Magdalena Schrefel soll der Klimawandel aufgehalten werden, indem in die Atmosphäre geschossene Schwefelpartikel die Brechung des Sonnenlichts verändern und die Erderwärmung stoppen. Aber dann verblasst das Blau des Himmels und der Meere zu einem milchigen Grau. Die Hauptprotagonistin in diesem dystopischen Roman ist Hannah, die in einer Ausstellung das Blau des Himmels dokumentieren soll.
Magdalena Schrefel. Das Blau des Himmels. Suhrkamp, 268 Seiten, 24,70 Euro.
Catalin Dorian Florescu
Der Henker
ist zurück
Empfohlen von Bernd Melichar
„Das erste Mal, als ich meinen Henker wiedersah, war in einem schäbigen Bukarester Bus.“ Mit diesem Satz beginnt der neue Roman von Catalin Dorian Florescu, der selbst seine Kindheit in der kommunistischen Diktatur Rumäniens verbrachte und 1982 mit seiner Familie in den Westen floh. Matei, die Romanfigur, wurde in den 1960er-Jahren ins Straflager geschickt, wegen einiger Gedichte. Jetzt, in den 1980ern, begegnet er seinem Folterknecht wieder. Wie reagieren? Ein packender Roman über die Verlockungen der Rache.
Catalin Dorian Florescu. Matei entdeckt die Freiheit. Rowohlt, 286 Seiten, 25,50 Euro.
Lukas Matzinger
35.000 Kilometer
mit 58 PS
Empfohlen von Markus Zottler
Es sei ein „Zufall“, sagt Lukas Matzinger, dass just jenes Gebiet sein Buch eröffnet, über das seit drei Wochen die ganze Welt spricht: Hormus, Iran. Denn Matzinger, ohnehin kein Liebhaber der Konvention, reiht die Kapitel weder chronologisch noch geografisch. Es ist auch nicht notwendig. Die 300 Seiten von „Ohne Kalaschnikow schlaf ich schlecht“ sind packend und geistreich geschrieben, jede Geschichte steht für sich. Inhaltlich greift der in der Obersteiermark geborene Journalist auf einen breiten Fundus an Erlebnissen zurück, die eine „Reise ins Unbekannte“ mit sich brachte. Vor zwei Jahren fuhr Matzinger gemeinsam mit der Journalistin und Fotografin Olivia Wimmer von Wien nach China und wieder zurück, stets mitten durch Risikogebiete. Elf Monate, neun Länder, neun Zeitzonen. Das Vehikel? Ein 40 Jahre alter VW-T3-Bus, 58 Pferdestärken, frisiert mit Solarpanel und Standheizung. „Ein Hochsommer im Südiran und ein Winter im kirgisischen Hochland sind leicht zu lesen, aber schwer zu erleben“, sagt Matzinger. Sein „Reiseroman“ beschönigt nicht und erzählt zugleich von „zuvorkommenden und leichtlebigen Leuten, die dir noch das Niemandsland wohnlich machen“. Die Skizzierung der vielen Menschen ist es, die all die Storys, egal ob aus Turkmenistan, Usbekistan, der Türkei oder China, so lesenswert macht. Manchmal fesselt auch der Wagemut. Im pakistanischen Abbottabad überlistet das österreichische Duo Polizisten und findet jenes Grundstück, auf dem sich der Terrorist Osama bin Laden jahrelang aufhielt, bevor er von US-Soldaten erschossen wurde. Heute weidet dort Vieh, Jugendliche spielen Cricket, andere kiffen. „Vor zwei Jahren kannten wir die wenigsten dieser Orte“, sagt Matzinger. Der beste Plan nütze aber ohnehin nichts, „wenn man dann nicht bereit ist, seiner Witterung zu folgen.“ Speziell ist der erste Abend im Iran. Für den Autor, einen glühenden Sturm-Fan, weil die Grazer im Mai 2024 nach mehr als zehn Jahren wieder einmal um den Fußballtitel spielen. Als Sturm das erste Tor schießt, jubeln die Menschen vor dem Lokal, in dem Matzinger per stockendem WLAN das Spiel verfolgt. Aber nicht der Kopfball Gregory Wüthrichs, sondern der Tod des verhassten Präsidenten Ebrahim Raisi begeistert. Das Resümee des Autors, ein Aufruf zum Blick über den Tellerrand: „Ich verstand, was ich brauche, an dem, was ich vermisste. Winzige Dinge wie Schnittlauchbrote, wesentliche wie Frauenrechte.“
Lukas Matzinger. Ohne Klaschnikow schlaf ich schlecht. Zsolnay, 304 Seiten, 25 Euro.
Christoph W. BaueR
Großbaustelle
Leben
Empfohlen von Karin Waldner-Petutschnig
Motorsägen, Kreissägen, Bagger. Der Lärm der Welt konzentriert sich für den Helden der kleinen, feinen Novelle von Christoph W. Bauer in einer Baustelle vor seiner Wohnung. Er ist auf Urlaub und weiß nicht, was tun. Bald gräbt auch der Buchhändler Murnau in seiner Vergangenheit um, holt Erinnerungen an die Oberfläche, denkt über sein Scheitern nach. So sprachlich präzise und atmosphärisch dicht, dass man gerne mitgrübelt.
Christoph W. Bauer. Lärm. Haymon. 112 Seiten, 20,90 Euro.
Richard Price
Der Trümmer-
Mann
Empfohlen von Bernd Melichar
Er ist der knallharte Chronist New Yorks, kommt selbst aus der Bronx, hat Drehbücher für Martin Scorsese verfasst und mit „Lazarus Man“ hat Richard Price wieder einen Roman geschrieben, der unter der süffigen Oberfläche viel an Mitgefühl und politischer Haltung bereithält. Diesmal lässt er einen ziemlichen Loser namens Anthony Carter in East Harlem fast unversehrt aus einem eingestürzten Wohnhaus auftauchen. Der Mann wird Medienstar, aber stimmt die Story auch?
Richard Price. Lazarus Man. S. Fischer, 399 Seiten, 26,50 Euro.
Roberto Saviano
Liebe, Tod und
die Mafia
Empfohlen von Bernd Melichar
Vor 20 Jahren deckte Roberto Saviano mit „Gomorrha“ die Machenschaften der neapolitanischen Mafia auf. Er zahlte einen hohen Preis für den Erfolg – Morddrohungen und Polizeischutz prägen seither sein Leben. Von seinem „Lebensthema“ lässt er dennoch nicht. „Meine Liebe stirbt nicht“ ist der Titel seines Romans, in dem Saviano Fakten in Literatur gießt. Er erzählt die Geschichte von Rossella Casini, die sich in einen Studenten aus Kalabrien verliebt, ohne zu ahnen, dass dieser aus einer mächtigen Mafia-Familie stammt. 1981 verschwindet die Frau spurlos, ihre Leiche wurde nie gefunden. Die Kombination aus True-Crime und Liebesgeschichte funktioniert gut, mitunter neigt Saviano zum emotionalen Overkill.
Roberto Saviano. Meine Liebe stirbt nicht. Hanser, 398 Seiten, 26,80 Euro.
