Blitzlichter von den Sehnsuchtsorten
unserer Redaktion

Meine Auszeit

MEINE AUSZEIT. Die Redakteure der Kleinen Zeitung begleiten Sie in diesem sommerlichen Format mit ihren subjektiven Zugängen, Erlebnissen und Gedanken zum Thema "Urlaub, Auszeit, Raus aus dem uns umgebenden Trübsinn" durch die Ferienzeit.

26.

Zartrosa
Verschnaufpause

Von Verena Schaupp

Und wieder flattert mir eines dieser Kuverts aus dem Briefkasten entgegen. Keine Nachzahlung, keine Erhöhung, sondern zartrosa Briefpapier: „Wir sagen Ja!“. Mitte 30 heißt mittendrin im Hochzeitsmarathon. Gleich fünf Mal wird diesen Sommer im Freundeskreis die Liebe zelebriert. Dreimal an einem Freitag, einmal im Ausland. Klingt intensiv? Ist es auch. Doch wenn ich dann ein elegantes Kleid anziehe und meinen Haaren ohne morgendliche Hektik mehr als ein schnelles Bürstprogramm gönnen kann, steht die Zeit still. Meine Vorfreude steigt: auf rührende Worte, strahlende Gesichter und schnulzige Lieder. Wenn selbst dem Großonkel in der letzten Kirchenreihe eine Träne über die Wangen kullert, bleiben die eigenen Augen kaum trocken. Kitschiger als Hochzeiten geht nicht. Aber genau dieser Kitsch lässt jeden Alltagsstress im Nu vergessen. Die erste Einladung fürs nächste Jahr liegt übrigens schon auf dem Küchentisch – Verschnaufpause, ich komme!

25.

Das kleine Glück

Von Martin Gasser

21056. 10283. 10265. So lauten die Zahlen zum kleinen Glück. Keine Lottozahlen, keine geheimen Codes oder Passwörter, sondern schnöde Artikelnummern. Wenn ich Abstand suche von den Sachen, die mich sonst beschäftigen, wird gebaut. Modelle aus Klemmbausteinen, bevorzugt jene eines Herstellers aus Dänemark. Stubenhocker? Von wegen, am Balkontisch, mit dem Blick auf die brütend heiße Stadt oder auf abendliche Lichter, mit einem kühlen Getränk, das bringt einen kilometerweit weg vom Alltag. Das Bauen ist so einfach, dass es nicht anstrengend ist, und so kompliziert, dass man daneben nichts anderes machen sollte. Dabei entstehen anmutige Dinge wie ein Taj Mahal, ein Ford Mustang oder ein Spaceshuttle. Der Vorteil: Die Instant-Auszeit mit den kleinen, bunten Bausteinchen funktioniert zu jeder Jahreszeit. Der Nachteil: Die fertigen Stücke sind Platzräuber und das Kellerabteil auch schon voll. In jedem kleinsten Glück wohnt wohl auch ein allerkleinstes Unglück.

Sonntagstipp:
Wanderlust
in Etappen

Von Verena Schaupp

Meine Mama hilft meinem vierjährigen Ich in die Gatschhose, Papa schnürt inzwischen meine Wanderschuhe. Kurz darauf stehen meine Schwester und ich in den übergroßen Leiberln des älteren Cousins am Fuße des für uns gigantischen Berges. Zum Unteren Kaltenbachsee (1749 Meter) im Großsölktal wandert man eine gute halbe Stunde. Früher war die Aussicht auf ein Saftpackerl die größte Belohnung am „Gipfel“. Mit der Zeit wuchs die Faszination für die Kulisse rundum: blühender Enzian, weidende Kühe, saftiges Grün, spiegelklare Bergseen. Mittendrin liegt die Sölkpassstraße, die zum Startpunkt (1560 Meter) der Tour führt, dem Parkplatz neben der Kaltenbachalm (Empfehlung: der Steirerkrapfen!).

Blick runter vom ersten Aufstieg. Foto: Schaupp

Blick runter vom ersten Aufstieg. Foto: Schaupp

Die Wanderlust meines Teenager-Ichs nahm zu, als es immer höher hinauf ging. Zunächst zum Mittleren Kaltenbachsee (1912 Meter) in noch einmal einer halben Stunde. Der dann etwas felsigere Weg zum Oberen Kaltenbachsee (2066 Meter) wurde schon als Triumph gefeiert (eine gute Stunde Gehzeit). Das Erreichen des Gipfelkreuzes Deneck (2433 Meter), Teil der Schladminger Tauern, nach rund einer weiteren Stunde markierten meine Schwester und ich mit zahlreichen Gipfelstempeln auf Schuhen und Unterarmen. Heute trifft man mich mindestens einmal jährlich auf dieser Wanderung. Etwa zweieinhalb Stunden geht man übrigens bergab. Kürzlich schwärmte ein Kollege an dieser Stelle über das Kleinsölktal. In der Großsölk stößt man zwar genauso wenig auf Frau Rottenmeier, Heidi-Feeling kommt aber auch hier auf. Spätestens, wenn meine inzwischen ebenso erwachsene Schwester mutig in den kühlen Bergsee springt. Nur das Jodeln fehlt.

24.

Der Duft
des Südens

Von Nora Kanzler

Eine prägende Erinnerung an meine Kindheit ist die an den jährlichen Urlaub in Kroatien mit meinen Großeltern. Der felsige Weg zum Meer und rund um unsere Unterkunft war gesäumt von Rosmarinbüschen, die herrliche Aromen verströmten. Und dazwischen streckten Feigenbäume ihr duftendes Blätterdach über uns aus. Mein Großvater liebte den Rosmarin und sang stets beim Hinanschreiten schmetternd „Rosmarie, vergiss mich nie, ich komme wieder, Rosmarie“ – ein sehr
alter Schlager, der dem sonst strikt der klassischen Musik Zugewandten doch im Ohr geblieben war. So steigen also bis heute sentimentale Gefühle in mir auf, wenn ich Rosmarin rieche. Und auch der Duft von Feigenbäumen bringt mich ganz schnell gedanklich in südliche Gefilde. Daher gibt es auf meiner heimischen Terrasse immer ein Rosmarinstöckerl und einen Feigenbaum, die beide zwar nicht annähernd an die prächtigen Exemplare im Süden heranreichen, aber der Duft allein ist schon ein kleines Stückchen Paradies.

23.

Der schöne
Schmerz

Von Julian Melichar

Wir Kinder des Sommers (ich wurde im Juni geboren) sind ungefähr neun Monate lebensunfähig. Im Würgegriff des Winters klammern wir uns an Sonne und Vitamin D wie Krebse, die aus dem Wasser gezerrt wurden. Der Sommer ist bis heute die kurze jährliche Episode der gefühlten Unsterblichkeit.
Gut so, denn die schönen Momente dieser Jahreszeit haben immer mit Schmerzen zu tun. Opa meint nach der ersten (!) Ferienwoche: „Schön war der Sommer. Freust dich auf die Schule?“ Aua. Beim Eisschlecken friert das Hirn, barfuß am steinigen Strand in Premantura weiß man, wieso hässliche Badeschuhe an jeder Ecke verkauft werden. Das Salzwasser mag gesund sein, juckt aber noch schrecklicher als der Sonnenbrand, den man sich am Vortag gesichert hat. Was noch mehr schmerzt und gleichzeitig schön ist? Die kurze Sommerliebe. Das einander Versprechen, dass man sich wiedersieht, auch wenn bereits beide wissen, dass es anders kommen wird.

22.

Einfach dasitzen

Von Maria Schaunitzer

Unlängst gelesen: Ein junger Autor erzählt in einem deutschen Magazin von seinem Alltag. Morgens beim Duschen wird ein Podcast gehört, den ganzen Tag im Großraumbüro Stimmengewirr, am Abend ein Bier und ein launiges Gespräch mit den Freunden. Selbst beim Joggen hört er Musik, in den Öffis sowieso. Das Handy ist schließlich immer dabei,
die Welt niemals fern. Selbst zum Einschlafen wird noch Netflix gestreamt. Am Ende des
Tages fragt er sich, wann eigentlich Stille herrschte? Wann blieb die Zeit zu reflektieren und nachzudenken? Gar nicht, so sein selbstkritisches Fazit. Und meines? Überraschend ähnlich. Seither weniger Musik, weniger Handy und mehr Raum für Gedanken. Eine bewusste tägliche Auszeit – die auch Mühe kostet. Denn manchmal ist die Stille sehr laut. Nun halte ich es also gerne wie Astrid Lindgren: „Dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzustarren.“ Bisher ein lohnendes Experiment.

21.

Immer wie
im Urlaub

Von Daniela Winkler

Als Abkühlung für zwei Stunden nach der Arbeit, als Treffpunkt, um sich mit Freunden bei einem Glas Wein (oder Soda Zitrone) auszutauschen, oder als schön anzusehender Begleiter, wenn man entlang seines Wassers spazieren geht: Der Wörthersee ist – nicht nur im Sommer – genau das Fleckchen Erde, das ich nicht missen will und für das ich dankbar bin. Und ja, „Dort leben, wo andere Urlaub machen“ ist so eine vielverwendete Phrase, bei der sicher manch einer die Augen verdrehen könnte. Zu klischeehaft, zu abgedroschen scheint sie. Doch sie beschreibt auch genau das, was auf diesen See und meine Freude daran zutrifft. Ihn nämlich quasi vor der Haustür zu haben, mit dem Fahrrad und einem Buch sowie einer Decke im Gepäck in zehn Minuten dort zu sein, das ist ein Luxus, den ich immer mehr zu schätzen weiß. Und auch, wenn ich nur kurz hinfahre, um den Anblick zu genießen und zu entspannen: Es ist einfach immer ein bisschen Urlaubsgefühl.